Blue Note, Capitol & EMI sehen die Zeichen der Zeit und bringen eine 2003 schon mal veröffentlichte Compilationsreihe namens „Groove Experience“ wieder auf den Markt. Der Markt schreit ja förmlich nach guten Samplern. Die Leute wollen wieder guten Sound. Das alle Jahre wiederkehrende Interesse an funky Grooves aus den 60ern und 70ern ist diesmal immens. Duffy und Amy sind da ja nur die Spitze des Eisberges. Funk und Soul wird wieder gehört. Gut so. Auch gut, dass die etablierten und große Labels darauf einsteigen. Auf 12 Folgen der Serie kann man viel über die Wurzeln und genialen Auswüchse von Jazz, Funk, Soul und Disco erfahren. Als mehr als gut gelungen muss man die Zusammenstellungen einstufen. Aufgrund der spezifischen Selektion der Tracks zu einem bestimmten Überbegriff bekommt man jeweils einen differenzierten Einblick angeboten. Selbst Kenner der Materie werden oft Songs entdecken, die ihnen vielleicht ein Begriff waren, jedoch in dem Kontext mit anderen Songs, wunderbar zur Geltung kommen. Es ist erstaunlich, aber alle CDs kann man wirklich blind kaufen. Für Einsteiger und auch Kenner der Materie ist es wirklich eine interessante Geschichte. Deshalb will ich hier einige der zwölf Compilations vorstellen.
Auf „Strut’n’get up“ heisst die Marschrichtung Tanzfläche. Da paaren sich Jazzfunk (Jimmy McGriff’s „Fat cakes“), Funk (Banbara’s „Shack up“)und gerne mal disco-affine Hüftbewegungshilfen (Donald Byrd’s „Change“). Mit Bobby Womack, Herbie Hancock und Ronnie Laws sammeln sich hier einige Jazz & Soulstars, die hier zeigen, dass die Funkgitarre und satte Bläser auch gerne bei ihnen ihren Platz in den Werken gefunden hat.
Auf „Say it Loud“ versammeln sich 15 Stücke, die aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung zwischen Malcom X, Martin Luther King, Black Panter Party, Wattstax und Shaft stammen. Das neue Selbstvertrauen und die neue Identität des „Black Power Movement“ haben sich natürlich in der Musik gespiegelt. Gene Harris „Don’t call me nigger, whitey“ ist eine bekannte, aber lange nicht die einzige direkte Ansage aus dieser Zeit. Das leidenschaftliche „Clean up America“ (Z.Z.Hill) ist nur ein weiteres Beispiel für diese Phase, in der viele Künstler durchaus kreativ über sich hinaus wuchsen. Cannonball Adderley steuerte hier auch ungewöhnlich weit und funky vom freien Jazz weg, um Teil der Bewegung zu sein. Stolz und stark sind die James Brown/Curtis Mayfield-Coverversionen von Lou Donaldson aus jener Zeit, in der Vietnam und Rassismus noch voll im Gange waren.
Auf „Tender Feelin’s“ gibt eine Ladung Erotik, oder zumindest ein Packung an Tunes, denen man nachsagt, es wäre Musik für Liebhaber. That music feels like makin’ love (Marlena Shaw). Warum nicht?! Here we go. Minni Riperton’s Doors-Cover „Light my fire“ kann man durchaus als durchschnittlich bezeichnen (dafür gibt es so viel gute andere Covers dieses Songs), aber auf dieser CD funktioniert er bestens. Labi Siffre, Sheree Brown, A taste of Honey melden den Anspruch auf eine Umdenken, dass nur Marvin Gaye und Barry White als einzige Musik genannt werden darf, bei der man ein Candlelightdinner oder Beischlaf haben kann. Da darf auch gerne mal ansteckend groovend und eingängig soulig werden, wie uns Bobby Womacks’ „Daylight“ oder das Überbrett „Annie Mae“ von Natalie Cole zeigt. Randy Crawford hätte hier auch einen Platz verdient, jedoch ist sie einfach zu jung und hat später, Vieles was hier vertreten ist, weitergeführt. Eine schöne Zusammenstellen zum couchsurfen, loungen, schmusen oder whatever.
Auf „A Movie for Daddy“ kann man sich die wunderbare Welt der Film- und Fernsehmelodien der 60er und 70er Jahre hinfühlen. Blaxplotaion-Wahnsinn und musikalische Epen zwischen Bulit, Touch Guy oder Superfly haben die Musiklandschaft nachhaltig beeinflusst und sind bisher heute ein Hörerlebnis der besonderen Art. Da war Shaft doch nur die Oberfläche. Tarantino hat mit seiner „Jackie Brown“-Homage da auch schon vor einiger Zeit seinen Hut gezogen. Dieser Sampler orientiert sich an Würdigungen der Komponisten Hugo Montenegro, Lalo Schifrin oder Henry Manchini durch Billy May, Jack Constanao oder Candido. Wer etwas über „Peter Gunn“, „Kojac“ oder „Mission Impossible“ erfahren will, kommt an dieser tollen Zusammenstellung nicht vorbei. Bobby Womack „Across 110th Street“ ist da nur eines von vielen Highlights. Scores to groove the screens…das ist die Ansage.
Look into the Flower: Von psychedelischen Sounds wissen nicht nur die Beatles seit ihrer Indienreise ein Lied zu pfeifen. Keiner, der in den 60ern Musik, respektiv Rock, gehört hat – ist an diesen non konformen Song- u. Soundstrukturen vorbei gekommen. LSD und Pott zeigte ihre Verbundenheit zur Musik. Der Konsum von bewusstseinserweiternden Drogen wurde glorifiziert und man ließ sich immer mehr auf die Reisen ein und versuchte die Welten musikalisch zu umschreiben bzw. zu verbinden.
Nicht nur im Rocksektor war das so. Auch wenn viel zu dieser Thematik nur Grateful Dead, Doors, Velvet Underground, Hendrix oder The Who im Kopf haben. Auch die Jazzkomponisten wussten sich musikalisch in andere Sphäre zu schießen. Die Resultate sind nicht minder spannend und haben heute noch großen Einfluss auf viele Künstler und Produktionen. „Look into the Flower“ dokumentiert welche Capitol und Blue Note-Interpreten die abenteuerlichen Reisen eingefangen und auf Vinyl gepresst haben. Sun Ra und George Clinton könnte man der gelungen Auswahl auch sofort hinzufügen. Donald Byrd, Horance Silver oder das Ananda Shankar Experience and the state of bengal führen sehr schön in die Klangwelten abseits des bis dato klar definieren Soundschubladen ein. „Love for Sale“ von Gene Harris steht dafür auf dieser Zusammenstellung prädestiniert Pate. Space it up.
Text: Peter Hagen