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12.01: INTERVIEW: SEUN KUTI

Bereits mit 14 trat Seun Kuti, der jüngste Sohn Felas, das
musikalische Erbe seines Vaters an. Als nach dessen Tod die Frage,
was aus der Band wird, im Raum stand, entschied sich Seun für die
Musik und somit für seine Band "Egypt 80". 13 Jahre und unzählige
Gigs später hat Seun endgültig unter Beweis gestellt, dass er es
schafft als Bandleader würdiger Nachfolger seines Vaters zu sein
und dabei gleichzeitig seine eigenen musikalischen Visionen in die
Tat umzusetzen.

Seun Kuti's zweites Album "From Africa With Fury: Rise" darf als weiterer Beleg dessen gehandelt werden. Am Rande eines fulminanten Konzertes in Stockholm, ließ sich Seun auf ein kleines Frage und Antwort Spiel ein.

Wenn man dich auf der Bühne sieht, versteht man, was es heißt, Bandleader zu sein. Du bist da eher wie ein Dirigent.

Ja. Bei so vielen Leuten auf der Bühne, ist es wichtig , dass sich die Band auf dich konzentriert, wenn du spielst und deine Energie spürt. Ich möchte gleichzeitig performen und die Band leiten. Sie fühlen mich und sie sehen meine Energie und das hält uns sehr gut zusammen.

Du hast einen ziemlich straffen Tourplan. Bist du überhaupt in der Lage, auf deiner Tour noch Songs zu schreiben? Oder wie bzw. wann entwickelst du deine Musik?

Ich schreibe meine Songs am liebsten zuhause, in Ruhe und mit meinen Freunden um mich herum. Ich schreibe dann im Wesentlichen auf, was mich gerade bewegt und was ich fühle. Wenn ich unterwegs bin, schreibe ich eher weniger an meinen Stücken. Nach dem ersten Album tourten wir fast zweieinhalb Jahre, aber es gab dazwischen auch immer wieder ein paar Auszeiten in denen wir das Album schrieben und 2010 dann aufnahmen. Wir spielten danach viel zuhause in Nigeria.

Woher kommt dieses derzeitige so große Interesse an afrikanischer Funk-Musik auf der ganzen Welt? Was denkst du?

Es geht dabei ja nicht nur um afrikanischen Funk. Das gleiche Interesse besteht zum Beispiel auch an Latin-Musik. Die Sache ist die: Die meisten Menschen sind gelangweilt vom Mainstream und davon immer nur das Gleiche zu Ohren zu bekommen – Wieder und wieder. Die Leute sehnen sich nach etwas Frischem. Sie haben sich jetzt für fast zwanzig Jahre dieselbe Musik angehört. Ich glaube, die Leute haben den Mainstream einfach satt und sie sind bereit, sich Alternativen zu suchen. Sie versuchen, etwas Besseres für sich zu finden, als die Medien ihnen geben. Und ich glaube, sie finden einen guten Ersatz.

Was hat sich an deiner Arbeitsweise beim zweiten Album geändert? Ich glaube, ich hatte ein stärkeres Team. Brian Eno und John Reynolds waren diesmal die Produzenten. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Brian Eno?

Brian und ich lernten uns zwei Jahre vor dem Album kennen und wurden Freunde. Das war 2009, als er mich zu einem Konzert nach Sydney einlud. Seitdem sind wir in Kontakt geblieben. Er organisierte einen Gig in Brighton für mich. Er nannte den Gig damals "This is afrobeat". Er flog mich und die ganze Band ein!Ich war erstaunt, als er mir erzählte, dass er sich sein erstes Afrobeat-Album 1973 kaufte – das war zehn Jahre bevor ich geboren wurde! Er ist also seit langem Fan afrikanischer Musik. Er hat sich sehr gefreut, als ich ihn fragte, ob er mein zweites Album produzieren wollte. Er hing sich wirklich rein und sagte: 'wenn du es aufgezeichnet hast, komm zu mir und ich werde es produzieren'.

Deine Texte handeln von den aktuellen Problemen der afrikanischen Gesellschaften. Musst du dich immer noch mit den gleichen Problemen mit der Regierung herumschlagen, mit denen sich schon dein Vater und viele deiner Bandmitglieder beschäftigen mussten?

Wenn man gegen das Establishment ist, ist das Establishment natürlich auch automatisch gegen dich. Aber das Problem ist nicht so gut greifbar – es ist eher systematisch. Wir haben ja theoretisch eine so genannte Demokratie, eine zivile Regierung. Aber trotzdem können sie jederzeit an deine Tür klopfen und deinen Arsch ins Gefängnis stecken. So berühmt Fela auch ist – in Nigeria und der ganzen Welt – seine Lieder werden nicht mehr als fünf Mal im Monat im Radio gespielt. Meine Lieder spielen sie dementsprechend vielleicht zwei Mal pro Monat. (lacht)

Wie steht es um die jüngeren Leute? Wie reagieren die auf deine Musik?

Die Sache ist so: Einmal im Monat haben wir den "Shrine Club" (legendärer, durch Fela Kuti gegründeter Afrobeat Club in Lagos - Anm.d.R.) geöffnet. Afrobeat war schon immer eine Art Bewegung. Die Leute kommen, um Selbsterfahrungen zu machen. Und auch wenn sie die Musik nicht im Radio hören, bekommen sie die CDs irgendwo her und kommen zu den Shows. Afrobeat ist immer noch sehr stark.

Demnach existiert der Shrine Club noch?

Nicht der den mein Vater gründete. Mein Bruder eröffnete damals einen Neuen. Ich las vor einer Weile, dass der Club 2009 wieder geschlossen wurde. Die Regierung hat ihn damals ohne jeglichen Grund dicht gemacht. Eine Woche später war er dann schon wieder offen.

Wie steht es um die Musikszene in Lagos, in Nigeria allgemein? Wie entwickelt sie sich? Hat sie immer noch den gleichen Vibe, die gleiche Energie, die sie in den Sechzigern hatte, als dein Vater die Afrobeat-Bewegung in Gang setzte?

Nein, ich glaube nicht. Ich denke, die Musik verbessert sich langsam und stetig. Sie ist aber noch lange nicht auf dem gleichen Niveau von damals. Sie ist noch ein ganzes Stück entfernt von der Qualität der Musik, die wir in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Nigeria hatten. Aber ich denke, langsam kommt die Musik zurück.

Wenn wir über die Revolution in der arabischen Welt reden, hat das auch etwas in Nigeria geändert?

Ja, auf jeden Fall haben die Menschen erkannt, dass man gemeinsam etwas schaffen kann. Man kann es schaffen. Aber der Unterschied zwischen der arabischen Welt und der meinen ist, dass wir keinen so stark verbindenden Faktor, wie Nordafrika haben – sie haben den Islam. Obwohl sie auch in der arabischen Welt alle aus verschiedenen Stämmen kommen, sind sie alle Muslime. Und der Islam ist ihre gemeinsame Kultur. In Westafrika sind wir so verschieden: Verschiedene Religionen, verschiedene Kulturen. Wir müssen nach etwas suchen, dass uns zusammenhält. Aber bei uns ist das nicht der Islam, denn nicht jeder ist ein Muslim. Aber trotzdem haben die Leute gesehen, dass man gemeinsam etwas erreichen kann. Und die Jugend in meinem Land mischt sich wieder mehr in die Politik ein – mehr als in den letzten 25 Jahren.

Die afrikanischen Grenzen wurden mit dem Lineal auf der Landkarte gezogen. Sie haben sich nicht natürlich entwickelt, oder?

Die afrikanischen Grenzen sind frei erfundene Trennlinien, die die Menschen in den Grenzgebieten, die eigentlich zusammen eine Nation bilden, neu gruppieren. Sie wurden gezwungen, eine neue Koexistenz aufzubauen. Diese Art von Existenz kann nicht funktionieren. Eines der größten Probleme Afrikas ist die Tatsache, dass durch die Art und Weise, wie die afrikanischen Grenzen von oben herab gezogen wurden, Menschen zusammengewürfelt wurden, die vollkommen unterschiedlich sind. Und alle haben unabhängige, egoistische und ethnische Allianzen, die sie aufrecht erhalten müssen. Das schafft eine gute Atmosphäre für Korruption. Denn wenn die Leute keine nationalen Interessen oder Patriotismus für das Land haben, in dem sie leben, wenn es keinen nationalen Stolz gibt, wenn die Menschen ihr Land nicht so lieben, wie es geliebt werden sollte, kann es kein Land werden, in dem die Menschen wirklich friedlich und vereinigt leben. Diese Tatsache wiederum gibt den Regierungsvertretern die Möglichkeit, Raubbau am eigenen Land zu betreiben. Niemand fühlt sich davon persönlich verletzt, wenn so etwas passiert. Das fühlt sich für die Leute einfach so an, als würde etwas aus Nigeria gestohlen – einem Gebiet aufoktroyierter Grenzen, dem man zufällig angehört. Niemand fühlt sich auf einer persönlichen Ebene betroffen, wie "Oh ... die Regierung hat etwas von mir gestohlen".Viel mehr tun die Leute alles dafür, in die selbe Position zu kommen und später das Gleiche zu tun (lacht)

Aber du bist doch optimistisch, oder? Oder besser gefragt: Wie siehst du Afrika in sagen wir mal zehn Jahren?

Für eine lange Zeit war ich nicht sonderlich optimistisch. Aber seitdem es mehr Interesse der Jugend an der Politik in Afrika gibt – vor allem in meinem Land – habe ich das erste Mal seit langem ein Gefühl der Hoffnung. Leider ist die Vorstellung der Jugend von Politik immer noch sehr naiv. Es muss noch sehr viel getan werden, das Bildungsniveau muss immens wachsen. Und die Leute müssen verstehen, was es tatsächlich bedeutet, nationale Interessen im Herzen zu tragen. Das ist es, was die Jugend in Afrika lernen muss. Ich denke, es ist der richtige Zeitpunkt, dem Afrobeat eine tragende Rolle in diesem Spiel zu geben. Es ist wichtig, mit den jungen Menschen zu sprechen und ihnen begreiflich zu machen, was wirklich zählt und was wir brauchen, um Afrika auf einen besseren Weg zu bringen.

Text & Fotos: Philip Frowein

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