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KOLUMNE: LEO’S BEAT BAR (März Ausgabe 2012)

KOLUMNE: LEO'S BEAT BAR (März Ausgabe 2012)

Platte des Monats: EOU – KID LIFE CRISIS

„Wir kehren zurück wie ’n Hausmeistermoonwalk“ – nach über zehn Jahren Aktivität am nicht beachteten Rand der sogenannten Szene haben es die beiden MCs/Produzenten Crusoe & Snew mit ihrem bereits vierten Langspiel-Release namens KID LIFE CRISIS endlich geschafft, ein etwas größeres Publikum zu erreichen. Zum einen ist dies wohl dem szeneinternen Minihype um die von Falk (mixeryrawdeluxe) so betitelte „Neue Reimgeneration“ geschuldet, zum anderen aber sicher auch daran, dass genau diese Truppe um EOU, Cro, Rockstah und Ahzumjot mit ihrem Sound definitiv am Puls der Zeit sind – zumindest für den Teil der Raphörer, denen klassischer Straßenrap nach 10 Jahren Dominanz irgendwie auf den Sack geht.

KID LIFE CRISIS ist nicht nur Titel sondern auch thematischer roter Faden durch die gesamte LP: Die beiden Kieler bzw. Wahl-Hamburger rappen zwar ohne übertriebene Flows aber mit einer gehörigen Portion Souveränität über die Träume und Traumata einer Generation, die sich irgendwo in den Welten des Studentendaseins verloren hat – die Kindheit noch nicht ganz verabschiedet, den Erwachsenenalltag noch kein bisschen akzeptiert.
Was die Instrumentals angeht halten EOU es insgesamt recht elektronisch – 8-Bit Sounds, als Hommage an ihre Vorliebe für Videospiele, drückende Drums, melodiöse Synthies und an der richtigen Stelle auch gern mal ein Sample erschaffen einen unaufgeregt unterhaltsamen und gut gemischten Klangteppich, dem man anhört, dass die beiden gern Zeug a la Neptunes und Konsorten pumpen.
Was EOU machen muss man schon mögen, weil die ganze Platte aus einem Guss ist und nur im Detail variiert. Größter Pluspunkt ist für mich die Tatsache, dass die beiden wirkliche Soundnerds sind und die stellenweise etwas simplen und manchmal grenzwertig pathetischen Raps haargenau auf die Eigenproduktionen passen und dadurch wieder volle Berechtigung erlangen – eher Gesamtkunstwerk denn Rapplatte.

Lieblingslied des Albums ist momentan auf Jeden der Track „Kein Lieblingslied“ weil es das Hip-Hop-Dauerthema „broke sein“ aus interessanter Perspektive behandelt: EOU rechnen vor, warum sie kein Geld mit ihrer Musik machen – dafür jedoch eigentlich alle anderen. Geile Idee! Exemplarisch für das Gesamtwerk steht sowohl in punkto Soundteppich als auch thematisch die mit einem schicken Video versehene Vorab-Single „immernochso“. Wer gefallen an EOU gefunden hat, findet auf ihrer Homepage noch mehr Material; besonders ihre Werkschau „WIRSIND10“ kann ausdrücklich empfohlen werden, um den Weg nachzuvollziehen, den die beiden in ihrer musikalischen Entwicklung gegangen sind.

MIDIFLASH – Pleased to beat you

MIDIFLASH ist ein sehr lustiger Name, wenn man sich auf Sampling spezialisiert hat. Nun denn, so oder so – raus kommt beim ersten Release der Zwei-Mann-Beat-Kapelle aus München vor allem ziemlich gute Musik. In globalsiert-bewährter Tradition, wie man es inzwischen von Shuko, JR&PH7 sowie den Snowgoons und weiteren kennt, haben sich MIDIFLASH einfach mal international bei ziemlich frischen MCs Texte abgeholt und auf ihre Beats gepackt. Mit dabei sind unter anderem Denmarks Finest J-Spliff (Majors), das Schweizer Rap-Urgestein Black Tiger, Münchens Eigener Roger Rekless, der konstant hochwertig wahnsinnige Morlokk Dilemma, Antihelden, R.U.F.F.K.I.D.D. (mit einem richtig guten Part) und M-Dot (Boston).

Produktionstechnisch merkt man den beiden Beatbastlern Robstar und LowDown eine gewisse Premo- und allgemeine Golden Era-Affinität an, das ganze jedoch auf ein korrekt zeitgemäßes Level gehoben. Im Zentrum der Platte steht die Liebe zur Kultur und der Zulu-Gedanke: Ein Gratis-Download, auf dem alle Ecken und Enden des Hip-Hop-Universums zusammengeführt werden, Paradebeispiele dafür sind vor allem das als Geschichtsunterricht angelegte „Hip Hop“ sowie „Transatlantic Artivism“: Letzteres ist eine Graffiti-Hommage, die vier MCs aus vier Ländern auf einem absoluten Überbrett von Beat vereint, garniert mit dopen Cuts von DJ LP2 in der Hook. Eben jener LP2 ist gleichzeitig für den Gesamtmix des Tapes verantwortlich – und der Kopenhagener weiß ziemlich genau, wie man so was zu machen hat!
„Pleased to beat you“ ist insgesamt ein richtig runder Einstieg von MIDIFLASH und läuft bei mir seit Wochen auf Heavy Rotation – die beiden Jungs werde ich definitiv im Auge behalten!

Gratis-Mixtapes:

Wie immer, wenn man bereit ist ein bisschen zu diggen und damit leben kann, sich eben auch 2 GB Müll aus den Weiten den Netzes zu saugen, um an einige taugliche Tracks zu kommen, wurde die letzten Tage wieder einiges for free geworfen – diesmal sogar von gestandenen Größen dieses Spiels!

„We’re the golden era vets, we came to hold it down for the west!“ – der ewig gute und ewig nie ganz auf Albumlänge überzeugende Planet Asia schmiss vor einigen Wochen das Tape „The Arrival“ gratis, um sein „Black Belt Theatre“ – Album zu bewerben. Und wie so oft haut mich das Free-Release eher um als alles, was ich bisher von der neuen LP gehört hab. Die ersten drei Anspielstationen darf man getrost skippen, danach kommen dann aber 12 Tracks, von denen ich für die Meisten auch Geld bezahlt hätte. Die Beats sind größtenteils genau das, was man vom Herrn PA erwartet: Klassischer Boom Bap – Golden Era Sound vom Feinsten mit Kopfnickgarantie! Über seine Rapskillz und seine alles überragende, schwere Stimme braucht man hier eh nicht mehr groß reden – darauf ist immer Verlass.
Anspieltipps: „The Honorable“, „Gat in yer Mouth“ (mit Cali Agents Partner Rasco) und vor allem „Dum Dumb“. Letzteres ist unterlegt mit so abartig billigen Midi-Trompeten, die schon beim ersten Ton so hart an „The Final Countdown“ erinnern, dass man kurz überlegt, ob man sich jetzt schämt oder komplett weglacht… und dann hört man einfach nur noch zu, wie PA sowas von souverän arrogant über das Arrangement rutscht, dass alles wieder passt! Kann man sich auf jeden Fall mal reinziehen!

Downloadlink:

http://wanderingworx.bandcamp.com/album/the-arrival-mixtape

Also: Wer „Da Joint“ produziert hat, dürfte mindestens zehn wirklich schlechte Platten rausbringen und würde trotzdem noch auf ewig gefeiert werden von mir. Und was macht Mr. Erick Sermon so, nachdem es doch einige Jahre ziemlich ruhig war um ihn? Was man eben tut: Er wirft ein Tape namens „Breath of fresh Air“ für umme aus! YES!!! Dieses Teil muss geladen werden von jedem, der auch nur eine einzige Produktion des EPMD Masterminds fühlen kann. Ehrlich gesagt grenzt es an Wahnsinn was Herr Green Eyes hier gratis raus bringt – für gefühlte 95% des Rapspiels wäre das, was hier einfach mal eben so ins Netz gestellt wurde, wohl der absolute Karrierehöhepunkt. Kleiner Einblick in die Feature-Liste gefällig? KRS One, Rick Ross, Jimmy Hendrix (sic!!!), Eazy E (Skit), Keith Murray, 50 Cent, Sheek Louch, Redman & Methodman, Too Short und noch einige Nasen mehr! Äh, hab ich schon erwähnt, dass dieses Tape umsonst ist?!
Beats macht Erick Sermon immer noch genauso souverän, wie eh und je – kaum einer schafft es, die Sounds so smooth soulig und gleichzeitig so druckvoll nach vorne zu setzen, wie er. Woohaaa – ist das geil! Mir ist völlig unerklärlich, warum aus diesem kleinen Tape kein reguläres Album wurde; das sind definitiv keine übrig gebliebenen, halbgare Songs, die man mal zusammen schnürt – sondern zu großen Teilen echte Granaten. Wenn z. B. Methodman souverän über die Bassline von „Look“ rauscht, weiß man endlich wieder, warum man Rap eigentlich so hart feiert! Überragend sind vor allem „What Happened“ sowie das Hendrix-Feature „A Way Out“, welches E Dot genauso geil konstruiert hat, wie seinerzeit das Marvin Gaye-Sample auf „Music“. Klar sind auf „Breath of fresh Air“ auch ein paar durchschnittliche und potentiell skipbare Tracks, aber es ist auf jeden ein Werk, von dem ich mir gern ne Vinyl ins Regal stellen würde! Ladepflicht!!

Downloadlink:

http://www.datpiff.com/Erick-Sermon-Breath-Of-Fresh-Air-mixtape.315875.html

Der Vollständigkeit halber hier noch drei weitere Gratis-Tapes, die die Tage raus kamen: Shuko (Düsseldorf) legt mit „The Foundation Vol. 2“ eine von den Snowgoons DJs gemixte Übersicht seiner derzeitigen Produktionen vor. Kein Exklusivmaterial, sondern Songs, die auf den regulären Releases der involvierten MCs bereits veröffentlicht wurden. Mit dabei die üblichen Verdächtigen: Vinnie Paz (Jedi Mind Tricks), Ill Bill, Heltah Skeltah, Evidence, Talib Kweli, Rass Kass, Doujah Raze und mehr. Kann man sich durchaus mal reinziehen, wenn man nicht eh schon alles der genannten Rapper im Regal hat. Shuko arbeitet derzeit übrigens an einem echten, eigenen Langspieler. Ich bin gespannt!

Downloadlink:

http://www.limelinx.com/files/99e987d330770239061fc8d6b54489b1

Saigon bringt mit „The Warning Shots 3“ wieder mal die Quintessenz eines Street-Tapes raus: 19 Tracks, von denen die meisten nicht geil genug sind, um auf ein Konzeptalbum zu passen, die aber dennoch eindrucksvoll sein Talent unter Beweis stellen. Der New Yorker spittet einfach fast immer on top, auch wenn mir persönlich ein bisschen zuviel komisch rumgesungen wird. Anspieltipps: „BBB“ und „I am 4 real“. Geht schon mal zwischendurch!

Downloadlink:

http://www.datpiff.com/Saigon-Warning-Shots-3-One-Foot-In-The-Grave-mixtape.306291.html

Mal Bock auf australischen Rapshit? Die Golden Era-Jungs aus dem Hilltop Hood-Umfeld, dem wohl bekanntesten Rapexport von Down Under, haben ein kleines Label-Best-Of zusammengestellt („Golden Era Mixtape 2012“). Man besinnt sich hier wirklich straight auf 90er Sound – 110% Boom Bap!! Wer nicht überrascht werden, sondern einfach mal wieder Premo-Style Beats, sitzende Raps (mit lustigem Akzent) und dope Cuts hören will, sollte sich dieses Teil nicht entgehen lassen. Vor allem der Ausblick auf das neue Hilltop-Album „Ratteling the Keys…“, sowie der Allstartrack „Wsup“ sind Bomben! Ich feier das alles schon hart!

Downloadlink:

http://www.hussletapes.com/index.php/component/muscol/G/15-golden-era/20-mixtape-2012

Verabschieden will ich mich mal wieder mit meiner aktuellen genreübergreifenden Top 3:

Joe Kickass ft. O.S.T.R. – „Copycats“ (leider bereits vergriffene EP): Wunderschöne Laid-Back-Produktion der Killing Skillz mit Rhymes von Amsterdams Joe Kickass (Project Mooncircle) und Polens Übertalent O.S.T.R. – jeden Tag mindestens ein Mal hören um auf nen gechillten Rapfilm zu kommen.

Wankelmut – One Day (noch unreleased): Trip Hop, überschönes Vocal-Sample! Einfach in der Sonne liegen und Gedanken schweifen lassen, yeah! Wann kommt dieses Teil endlich offiziell raus?!

Mo’ Horizons – Southern Fried Funky Lovesong (Sunshine Today, 2007): Jaja, es wird wieder Frühling und woher könnte der Soundtrack dazu stammen, wenn nicht aus … ja, äh… Hannover?! Älter, aber nach wie vor damn fresh funky und absolut tanzbar! „Where’s the love you promised me?! Well – here I am!!“

Text: Michael Leopold

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