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KOLUMNE: LEO’S BEAT BAR

KOLUMNE: LEO'S BEAT BAR

Hallo zusammen!

Hier soll es um Musik gehen und deswegen steigen wir direkt ein – nur soviel vorweg: Ich bin großer Fan von ausgetüftelten Reviews, was Menschen über Hintergründe, Samplequellen, Einflüsse und Technikkram zusammentragen, fasziniert mich. Ich lese das auch gerne. Dennoch möchte ich an dieser Stelle lieber erste Eindrücke und Überblicke liefern, ob dies nun persönlicher Faulheit oder einfach der Meinung geschuldet ist, dass Musik besser gehört denn beschrieben wird, sei dahin gestellt. Bei unserem „ersten Mal“ gibt’s viel zu berichten, ob es bei der Menge an behandeltem Material bleiben wird, sehen wir dann…

Dirty Dasmo – „Back to the Future“

Dirty Dasmo brachte gleich zu Beginn des Jahres eine kleine frei downloadbare Instrumental-EP raus, die schon allein aufgrund des Covers den Klick wert sein sollte. Der Berliner Produzent zeichnet sich schon seit einiger Zeit durch feinste Synthesizerproduktionen für verschiedene deutsche Rapper aus. Bekannt sein dürfte er dem Kenner als Hofproduzent von Darmstadts Mädness, war darüber hinaus involviert in den durchaus als abgedreht zu bezeichnenden Euro-Dance-Teil der aktuellen KAAS-Platte. Außerdem ist er mit einem Beat auf Kollegahs aktueller „Bossaura“ vertreten – schon hier erkennt man: Dieser Mensch lässt sich – abgesehen von der konstanten Elektro-Affinität – nicht wirklich in eine Schublade pressen. Deswegen gilt auch für die 6 Titel umfassende EP: „Wer Dirty Dasmo bisher noch nicht kannte – kein Problem, nicht abschrecken lassen von den Namen der Zeremonienmeister, für die er schon gearbeitet hat – reinhören“. Irgendwo zwischen HipHop, Dubstep-Andeutungen und Glitch finden sich hier klassische Akkorde, warme Synthies und eingängige Melodien zusammen mit satten Bässen und erschaffen einen homogenen Teppich, der an einem Stück durchläuft. Handwerklich sauber umgesetzter Soundtrack fürs Existieren; wer mit The Glitch Mobs „Drink the Sea“-LP was anfangen kann, sollte sich „Back to the Future“ nicht entgehen lassen. Dass das Release auf insgesamt nur knapp 20 Minuten Spielzeit kommt, tut seiner Qualität keinen Abbruch – ein falscher Track mehr hätte ihn eher in seiner Gesamtheit zerstören können.

Dirty Dasmo – Back From The Future (EP) by Dirty Dasmo

Prezident – „Querschläger“

Ja, manchmal darf man einfach Fan sein und hier bin ich es. Was Wuppertals Finest in den letzen drei Jahren rausgebracht hat, es hat mich immer umgehauen. Sicher, das ist HipHop in seiner musikalisch pursten Form: kein Schnickschnack, keine Gimmicks, keine Promo-Aktionen und aus Prinzip alles immer unentgeltlich im Netz zu haben. Seine Texte sind oft hart und dahingerotzt –genau hierin liegt der Charme: Obwohl die Lyrics des dezidierten Bukowski-Fans selten jugendfrei sind, kann man sie nicht mit jenem standardisierten „Hauptsache schockieren“-Konzept der Mehrzahl deutscher Gegenwart-MCs vergleichen. Da brechen zwíschen Kafka-Zitaten und Ergründungen der menschlichen Schattenseiten („Und was sie Seele nennen ist nur die Summe bleibender Schäden…“) derbste Sexphantasien mit dem Mädchen von gegenüber durch, da geht’s natürlich um Battle („Bevor du versuchst Rap zu retten, würd’ ich erst mal welchen machen…“) und natürlich darum, dass er sich hin und wieder ziemlich gut findet („Curse bester deutscher Storyteller? – Sagt mal, wollt ihr mich beleidigen?“). Prezident darf das einfach, denn so souverän oldskool und dennoch innovativ eigenständig ist kaum einer der Realrap-Verteidiger. Was den Instrumentalteppich angeht, wird das Rad hier nicht neu erfunden: wer Mobb Deep, altes Ruhrpottmaterial oder auch Wu-Tang pumpt, kommt bei den durchweg auf klassischen Samples basierenden, düsteren Produktionen von mehrheitlich Epic Infantry voll auf seine Kosten.
„Querschläger“ ist im engeren Sinne kein neues Release, es besteht größtenteils aus Gastbeiträgen und Exlusivtracks sowie einigen Remixes, dennoch klingt es rund, denn Prezident experimentiert generell nicht viel, er hat seine Art, Worte auf Beats zu packen gefunden und dabei bleibt er – das ist durchaus Geschmackssache, aber wer damit was anfangen kann, kann blind alles von ihm laden – die Qualität der Texte ist konstant. Quintessenz: „Dies ist Musik, die nie im Radio laufen wird und nie in Clubs, aber die man auf der Fahrt nach Hause hört.“

The Black Opera – „Enter Mission“

Jawohl, schon wieder so ein Klan, der ein großes Mysterium um sich macht und (bisher sogar ausschließlich in der digitalen Welt) inkognito auftritt – super für jeden Reviewer, weil es kaum konkrete Informationen über Mitglieder und Producer gibt, nur soviel: Die dritte Single der LP „Thrill“ wurde von 14KT mit einem Brett von Beat ausgestattet – darüber hinaus muss man sich halt auf die Musik konzentrieren. Neun Tracks und ein Intro stehen hierzu zur Verfügung und die sind allesamt aus einem Guss. Die ersten fünf sind durchweg pumpende Bretter, bis auf „Villains“, bestehend aus einer bestechenden Kombination von Samples und Synthies, alles geht hier nach vorne. Die Flows der zwei (oder mehr?) Rapper, passen herrlich auf die Produktionen und erinnern irgendwie an Dead Prez. Eben besagtes „Villains“ springt aus der Homogenität der ersten Plattenhälfte heraus, weil ihm ein Hauch von 90s Westcoast-Flavour anhaftet, was für durchaus positive Abwechslung sorgt. Erwähnung finden sollte aufgrund des Pumpfaktors auf jeden Fall auch „Manute Bol“, dessen gepitchtes Vocalsample zusammen mit Synthiebass und Balkan-angehauchtem Brass-Boden einfach frisch durchläuft. Nach der Hälfte der Spielzeit wird das Album merklich ruhiger, dennoch hörenswert, weil die Raps auch hier durchweg niet- und nagelfest auf den Instrumentals sitzen. Für 2012 sind Live-Auftritte geplant – ich hoffe, man wird noch einiges von The Black Opera hören.

Cro – „Easy Mixtape“

Tja, Cro dürfte inzwischen jedem Szenekenner ein Begriff sein, nach seinem Schrankauftritt bei „ZDF NeoParadise“ wohl auch einigen darüber hinaus. Er wird von Instanzen wie Jan Delay als „the next to blow“ eingeschätzt und die Blog-Landschaft feiert ihn landesweit. Nun, um den Begriff „Hipster-Rap“ zu vermeiden (haha…) würde ich sagen: Das ist poppige Musik, die mehr über den Zeitgeist aussagt, als es die meisten soziologischen Studien können; Musik, die Musik samplet, die selbst noch als aktuell erachtet werden kann oder auch einfach zu bekannt ist – jedenfalls aus der Sicht jener Menschen, die der Meinung sind, dass ein Sample mindestens unbekannt und auf jeden Fall 30 Jahre und mehr auf dem Buckel haben muss.

Was Cro hier als sympathische Ein-Mann-Band produziert und rappt, ist wohl Quintessenz der „Copy&Paste“-Generation, dass er sich dabei auch noch in guter internetversierter Manier hinter einer Maske (Achtung: Panda, nicht Sido) versteckt, rundet diesen Eindruck ab. Am Ende rauskommen tut dabei Musik, die man ab dem ersten Takt fühlen kann, schon bei der ersten Hook mitsingen kann, wo man denkt: „WOW!“… und die sich sowohl textlich auch musikalisch nach dem dritten Hördurchgang als ziemlich belanglos entpuppt. Versteht mich nicht falsch, das ist schön gemacht, das ist eingängig, aber viel zu entdecken gibt es nicht. Musik für ne schöne Stunde; Musik, die im Club (Kein Benz) auf jeden erst mal klatscht. Musik über schnelle Nummern, die so hochfrequentiert vorbeiziehen, dass man mit den Namen auch mal durcheinander kommt (Easy), gepaart mit einer nicht neuen aber gut umgesetzten Vocalsample-Text-Kombination und einem Video, das Eye-Candy vom Feinsten bietet. Das ist alles in allem leichte Kost, easy eben – konsumieren und weiterziehen (ist ja auch nur ein Mixtape). Potential ist bei diesem Chimperator-Signing definitiv vorhanden, damit ich ihm ein volles Album für Geld abnehme – und damit er kein One-Hit-Wonder wird – muss er die Latte rundum noch eins höher legen. Ich würde es ihm und Euch und mir wünschen. Das Mixtape ist gratis im Netz erhältlich!

Ach ja, was ich Euch am Ende noch mit auf den Weg geben möchte, sind drei einzelne, nicht mehr ganz aktuelle Lieder, die mich so durch die letzten Wochen begleiteten, vielleicht entdeckt der eine oder andere etwas (wieder):

Vinnie Paz – „End of Days“ (Season of the Assassin, 2010): Genau das, was man von Jedi Mind Tricks erwartet – brutaler Beat, harter Rap und abstruse Verschwörungstheorien – Bombe!

Jeanelle Monáe – „Cold War“ (The ArchAndroid, 2010): Poppige, eingängige Nummer des kleinen Kraft- und Stimmwunders. Geht immer mal klar; ruft in mir irgendwas zwischen verdammt guter Laune und Trotzigkeit hervor- jeah!

Rasul – „Outro (Purple Haze)“ (Writing Colours, 2011): Wunderschöne Produktion, emotionaler Rap. Square One waren definitiv ein Quantensprung und die wohl wichtigste Rap-Brücke zwischen Amiland und der Bundesrepublik. Rasul – R.I.P.

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