Der rumorende Kreis an Heimfrickler, Beatbastler, Kinderzimmerproduzenten, etablierten Künstlern und Semi-Professionals zwischen Reason, Steinberg und Q-Base sind wieder am Werk wenn Jay-Z traditionell die Vocals seines neusten Werkes frei gibt. Das Internet ist hierfür die beste Möglichkeit von sich reden zu lassen. Da gab und gibt es immer noch die abartigsten Ideen. Jeder will mit den populären Raps des Jiggaman in Verbindung mit den eigenen Beats bzw. kreativen Ergüssen auf sich aufmerksam machen. DJ Danger Mouse wurde vor dem Gnarls Barkley-Ruhm so entdeckt bzw. von einer größeren Masse wahrgenommen. Ein Traum dem mehr als je zuvor folgen.
Das bisher unbekannte Team Shuko & The Gunner verarbeiteten ausschließlich Samples vom Marvin Gaye’s Soul-Klassiker „What’s going on“, die natürlich nicht offiziell freigeben sind. Der spanische Heimwerker Cookin’ Soul wirft mit ganz kranken Elvis-Samples um die Jiggaman-Raps. Mehr oder weniger gute Remix und Neubearbeitungen kann man seit November im Cypherspace finden. Namen wie White eyed Tigers, Pea, 16 Bars Production, Filthy Sox, Soul Kitchen, Abstrakt Sounds oder Beirut Beats geben den Raps ein neues musikalisches Gewand. Qualitative Unterschiede gibt es wie Sand am Meer. Idee und Ansätze jedoch auch. Hier ist der Punkt der Faszination die diese Remixe ausstrahlen und neugierig machen.
Ganze Werke entstehen hier im Kreativraum Internet. Die Basis des Albums „American Gangsters“ scheint eine magische Anziehungskraft auf die beat-bauende Zunft zu haben. Warum gerade Jay-Z der auserwählte Favorit ist, hat wohl zu allererst den Grund, dass man ihm zu recht nachsagt, dass er über jeden, wenn auch so abstrakten Beat gleiten kann. Sein Flow scheint wie prädestiniert dafür zu sein. Dem wird auch niemand etwas entgegen setzten die nur ansatzweise den Backkatalog des New Yorkers HipHop-Moguls, wie „99 Problems“(prod. Rick Rubin / Black Album), kennen.
Sondiert man die Flut an Reworks und Remixed-Alben, stößt man auf die skurillste Materialien. So haben verschieden Nerds ihren Groove nur und ausschließlich auf Samples gebaut die von Rocklegende Led Zepplin (Dr.Watch / DJ Doc Rok), Frank Sinatra (Hannibal King) oder dem Musical Chicago (Dr.Boo) kommen.
Der Pariser Mixtape-DJ Lartizan oder der argentinische Produzent Poison Hertz spielen Jay-Z’s Rap ihre eigene Version von straighten Boom Bap. Der Soundbastler CLO aus New Jersey hat eines der variantenreichsten Werke produziert. Soul-durchtränkt geht ein bisher unbekannter Hobbysoundforscher namens Guffstar zu Werke. Seine Versionen, natürlich auf MySpace zu hören, kommen dem Grundtenor des Originals sehr nahe. So verbaut er hier 70s-Samples von Smokey Robinson, Candi Staton, James Brown oder Marvin Gaye völlig schamlos und über alle Massen illegal natürlich. Schön und rund sind seine Remixes natürlich alle mal, und hörenswert. Das kanadische Projekt „Sound from the Compound“ füttert das Original mit einem Jacksons Five – Sample und geht in die gleiche, hörenswerte Richtung. Die sehr an die Werke von etablierten Kollegen wie 9th Wonder und Just Blaze erinnern. Was ja eigentlich nie falsch sein kann. Mit den Einflüssen der goldenen Ära um Pete Rock und Premo baut das aus Nigeria stammende Kollektiv Da Composerz seine Beats, die sehr empfehlenswert sind. Long Island’s Nachwuchstüftler RAVAGE verbindet den Verve-Song „Bittersweet Symphony“ mit „I Know“, während Berlins DJ KD-Supir zeigt, dass deutsche Produzenten auch hochwertiges herstellen. Brooklyns Jimi Kendrix baut unter dem Pseudonym Street Radio klassisches Material um die Stimme des Localheros. Oaklands Frickler Nick James bringt dem ganzen einen ganz anderen jazzigen Vibe. Der aus Georgia stammende Keenan nennt sein Remix großartig „Brazilian Gangster“ und verbaut darin nicht wirklich gelungen ein paar Bossa Nova-Samplers. Nach dem Kanye West ja schon erfolgreich auf „Stronger“ die französischen Houseproduzenten gesample & gefeatured hat, wird auf „Daft Gangster“ von D the next Level das wirklich anspruchsvoll weitergeführt. Hezekiah aus Philly räumt das Feld von hinten auf und zeigt dass man ruhig lebendig und abstrakt wirken darf ohne an Reputation zu verlieren. Dieses Ziel hatte auch der Londoner NUKES dessen „Art of remixing“ dann doch sehr viel progressiver, experimentell und eben mal was ganz anders ist. Der junge Engländer swingt elektrisch zwischen The Prodigy und Lil’Jon. Wicked!! Im Gegensatz zu Seattle’s DJ Benihanna, der die Gelegenheit nutzte um American Gangster als Mash-Up mit Timberland’s Shock Value Erfolgsalbum zu verarbeiten – was nicht annähernd so interessant ist wie die Idee von J.Brookinz der dem Ganzen etwas 80s Flavour untermischt. Wenn DJ Perry Levy den Raps des scheidenden Def Jam-Präsidenten dann noch derbe Dancehall-Riddims verabreicht, wird alles gut und die Party kann beginnen. Versöhnlich und warm begleitet mich der Remix von DJ Crazy Chris aus West-Virgina die alten guten Stevie Wonder-Platten herauskramt und zwischenreinmixt.
Benzi & The Knocks änderten Jigga’s Konfession um und machten ihn einfach mal zum G-Funk-Hustler in beste Westcoast-Manier in dem sie die Bahn brechende musikalische Welle, die HipHop mit Dre, DPG & Snoop Dogg Anfang der Neunzigerjahre beglückte, um seine Jay’s Vocals bauten.
Der bisher schon als Produzent für The Game und Akon in Erscheinung getretene DJ Skee
aus Los Angeles hat wohl den professionellsten und souveränsten Entwurf entworfen. Er hat auf „American Godfather“ ein Mischung zwischen zeitgenössischen laidback Clubbeats und den Samples aus den Patenfilmen entwickelt.
Spektakulär waren sie fast alle. Herauskristallisiert hat sich aber vor allem DJ Chong Wizard, der das Konzeptalbum Shawn Carters mit dem immer noch imponierenden Debütalbum von Wutang’s Ghostface Killah (Ironman) völlig schamlos kreuzte und einen Monsterhybriden schuf. Der bereits bekannte K-Def arbeitete schon mit den Lord of the Underground und dem Wu-Tang-Clan und bestätigt auf seinen Entwürfen, dass er immer noch zu den Produzenten gehört, die dicke Beats bauen können.
Längst kann man mit eine brachialen Idee über das Netz, speziell über MySpace eine kleine Berühmtheit werden. DJ Danger Mouse machte es ja vor. Er mischte das „weisse“ Beatlesalbum mit dem schwarzen Jay-Z-Album zum „Grey“-Album. Kurz nach dem Leak war es natürlich wieder verboten, weil die Samples nicht gecleart waren. Danger Mouse war jedoch in aller Munde. Kev Brown und selbst Stone Throw’s Madlib konnten in der jüngsten Vergangenheit diesem Thema nicht ausweichen. 9th Wonder’s Bearbeitungen gehören hier wohl zu den besten Beispielen.
Nichts scheint hier unmöglich und bringt eine verloren geglaubte Tugend des HipHop wieder zurück: Sky’s the limit – ganz nach Biggie Smallz. Es gibt keine Dogmen im Herstellen von Beats, über die ein talentierte MC rappen soll. Wenn man es etwas überblickt, findet man im Netz weit über 100 Remixansätze mit den „American Gangster“-Vocals. Täglich erscheinen neue Reworks von “Pray” oder “Hello Brooklyn” und verbreiten sich unaufhaltsam wie heiße Lava in den Foren und Blogs dieser Welt. Man darf gespannt sein, was noch kommt. Gerüchten zufolge sollen die Vocals zu dem kommenden „Nigger“-Album (Def Jam) von NAS dem selben Schicksal folgen. Einige warten wahrscheinlich schon drauf.
Peter Hagen (Jazzriots)