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Polyrhytmische Brüderschaft

Polyrhytmische Brüderschaft

Musik war oft schon die treibende Kraft zur Völkerverständigung, zu Fusionen und zu überwinden von gesellschaftlichen Barrieren. Die Mannen um George Clinton und Eddy Hazel vom Mutterschiff „Funkadelic“ hatten schon in den 70ern das all umkreisende Motto „One Nation under a groove“. Was sie damals P-Funk nannten, war nichts anderes als eine Zusammenführung von Psychodelic Rock bzw. Blues, Free-Jazz Sequenzen, beinhartem Funk und rohen Soul. Vielleicht hatte Brian „B+“ Cross den Funkadelic-Slogan als Leitgedanken für sein 2002 in Sao Paulo entstanden Doku-Film „Brazilintime“ benutzt. Der Basisgedanke, verschiedene Musikgenres zusammen zuführen war ihm jedoch nicht genug. Gib es doch viele, hervorragende Beispiele dafür, dass unterschiedliche Musikstile zusammen verschmelzen können. Der Regisseur hatte mehr im Sinn und setzte das auch imponierend um.

Generationen des Groove

„Brazilintime – Batucada com Discos“ ist eine Begegnung von amerikanischen und brasilianischen Musikern verschiedener Generationen und Genres. Der Ansatz der Idee von Brian Cross war der, dass sich auf einer minimalen gemeinsamen Basis, der Musik, eine Geschichte erzählen lässt. Eine Geschichte die oft zur Retrospektive wird. Die Hauptdarsteller dieses Filmes sind jeder für sich ein Spezialist in seinem Metier. Die Jazz/Fusion-Künstler wie Paul Humphrey, Derf Reklaw

und James Gadson aus den USA treffen auf die Legenden der brasilianischen Musik: Ivan „Mamao“ Conti, Wilson Das Neves, Joao Parahyba. Dem nicht genug, wollte Cross nicht nur ein Treffen der alten Garde der so einflussreichen Epochen der 60er und 70er arrangieren, sondern auch die nächste, von genau diesen Sounds inspirierten, Generation. Dazu gehören Babu, seines Zeichens DJ-Gott von der kalifornischen Independent-Rapgruppe Dilated People, der Produzent und avantgardistische Sound-Tüftler Madlib aus L.A., die Turntables-Virtuosen Cut Chemist, J.Rocc und das brasilianische Gegenstück DJ Nuts.

Begegnungen

In über 200 Stunden Rohmaterial, in dem Brian Cross diese Künstler begleitet, entstand eine 125 Minuten lange Dokumentation in der sich jede Fraktion, Jazz & Bossa Nova wie HipHop, über die Basis des reichhaltigen Kosmos an Musikfeinsinn und Kreativität begegnen und austauschen. Diese Doku ist eines dieser Momente in dem ein Gefühl transportiert wird, dass man selten noch präsentiert bekommt. Die scheinbar unüberwindbaren Barrieren der Sprache, Kultur und Lebensumstände sind anfangs sichtbar und danach weg radiert. Auf der Basis gegenseitigen Respekts für die jeweilige Kunstform entstehen Dialoge und Austausch. Final gekrönt wird diese Reise nach Brasilien durch ein Konzert bei der die Genialität aller beteiligten zu Tage kommt. Ein Dokument des musikalischen Austauschs findet seinen Höhepunkt als fingerfertiges Turntablism auf Improvisation von Drumsets treffen. Die Faszination beginnt dort wo sich die Beteiligten als jene sehen, die Klänge zusammenführen. Das führen sich gegenseitig, mit ihren zu Verfügung stehenden Talent und Erfahrung, an einen Ort, der jeglicher Genrebezeichnung fern ist. Fusion ist es, jedoch steht viel mehr dahinter, als dass hier einfach nur zusammen gejamt wird. Ein alles verbindender Takt, ein universeller Gedanke. Hier wurde eine Ebne erreicht, bei der sich sie alle geöffnet haben um etwas Neues entstehen zu lassen. Puristen aus beiden Lagern, sowohl HipHop als auch Jazz, werden hier verloren sein – der Rest wird gröllen.

What’s going on?

Der Weg bis zu diesem finalen Hochgenuss zeigt Brian Cross aus den verschiedensten Blickwinkeln. Musikhistorisch bestehen zwischen HipHop und den alten Bossa Nova-Entwürfen der 60ern nicht erst seit Will.I.A.M’s Rework des Sergio Mendes-Klassikers „Mas que nada“ ein Verbindung auf der Sample-Basis. Der hier mit wirkende Drummer Paul Humphrey gilt mit seinem Werk u.a. als musikalische Grundlage für den Beasie Boys-Klassiker „Root Down“. Die Musik von Kollege James Gadson wurde für einige Klassiker der HipHop-Kultur von DJ Premier, Dr.Dre oder Kool Keith benutzt. Hits der Black Eyed Peas oder A Tribe called Quest darf man hier auch nicht vergessen. Wer die oft abstrakteren Ansätze von Madlib (Beat Konducta, DJ Rels, Quasimoto, Yesterday New Quintett auf Stone Throw Records) kennt, weiss dass dieser sich nicht zum ersten Mal mit brasilianischer Musik beschäftigt. Umgekehrt nennen die alten Recken der brasilianischen Polyrhythmik zwischen Samba und Bossa Nova, dass sie durchaus ihre Einflüsse bei den amerikanischen Soul & Funk-Künstlern wie Marvin Gaye, Stevie Wonder oder Herbie Hancock oder Jazzern wie Art Blakey aufgesaugt haben. Immer wieder erzählen im Laufe des Films die skurillsten Typen (Nelsao Triunfo) Anekdoten aus vergangenen Tagen. Die politische beeinflusste Epoche der Tropicala-Bewegung, der universellen „Pilantrage“ und dem Samba Soul – sie alle haben ihren eigenen Helden, bei Azymuth angefangen und bei den Gilbertos weiter gemacht .

Die Parallelen der Musik von 1965-1972 zu heute werden immer wieder aufgezeigt und beleuchtet. Chico Buarque, Jorge Ben, Edu Lobo, Geraldo Vandre waren Künstler deren Musik heute noch einem in den Bann zieht und ihrer Zeit voraus waren. Diese Zeit gilt auch heute noch als die Spannendste. Hier wurden traditionelle Melodien und Harmonien wurden studiert und in Jazz sowie Funk, ja sogar Rock gemischt. Kein wunder also, dass der zusätzlich angereiste Stone Throw / Now again Records-Labelchef und Rare Groove-Experte Egon sich wie ein freudiges Kleinkind in Sao Paulo in einem Plattenladen benimmt, als er mit seinen DJ-Kollegen die schwarzen Vinylperlen der brasilianischen Musik durchforstet.

Journalisten brauchen oft Genre-Bezeichnungen um Musik vermitteln zu können. Musiker denken hier oft völlig anders. Schubladendenken ist oft eine Beschneidung ihres Verständnisses von und über Musik. Musikhistorisch bietet dieses DVD einen ganz eigenen Einblick in die Geschichte von Batuque (afrobrasilianische Kultur), Cappoeira (Ausdruckstanz der auch Breakdance beeinflusste), Samba und vieles mehr. Durch die Zeitzeugenbefragung kann eintauchen in ein gänzlich unbekannte Welt. Musik ist ein polyrhythmisches, weltweites Netzwerk. Brian Cross hat hier mit den beteiligten Protagonisten ein wahrhaftiges Meisterwerk geschaffen, was in dem von der Red Bull Academy geförderte, auch in Europa, bei der Pop.com (c/o pop), imponierend auch live wieder gegeben wurde. Das energiegeladene, teils wahnwitzige Verschmelzen von gegenseitiger sich befruchtender Kreativität ist ein Erlebnis, das man nicht alle Tage findet.

Von Peter Hagen (Jazzriots)

Titel: Brasilintime – Batucada com Discos

Regie: Brian Cross

Vertrieb: Mochilla

DVD-Release: 01.10.07

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