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INTERVIEW RADIO CITIZEN

INTERVIEW RADIO CITIZEN

Text & Interview: Peter Hagen DEEP. SECRET. UNIVERSAL Vor über zehn Jahren haben Produzenten wie die Londoner Freestyler 4 Hero, die Berliner Eklektiker von Jazzanova, die Housevisionäre Kenny Dope & Louie Vega oder das Soundkamelion King Britt, dass ein besondere Stimme mit der richtigen musikalischen Unterlegung Welten bewegen kann. Sie hatten das damals umgesetzt und zeitlose, teilweise gewaltige Soundtracks für die Ewigkeit geschaffen - und teilweise machen sie das heute noch. Dabei haben sie immer sehr penibel darauf geachtet, dass die ganz spezielle Stimme zum charakteristischen Groove passt. Diese Stimme waren nie „nur“ Gesang. Poetinnen der Moderne wie Ursula Rucker, Jill Scott oder Bajka waren die kongeniale Komponente zum Sounduniversum der Visionäre die keine Angst hatten Genregrenzen einzureißen. Bis heute schimpft man über den Begriff „Eklektik“, der wohl aus dem Zirkel geschmäcklerischer Aktivisten zwischen Berlin (Sonar Kollektiv), Stockholm (Raw Fusion), Zagreb (Kontrapunkt), London (Cargo, Worldwide) & München (Compost, JCR, Into Sumthin) entworfen wurde, weil man sich aus allem und von überall etwas nahm und etwas wirklich Bedeutendes daraus schuf. Man verwies sicherheitshalber oft darauf, dass das eigentlich alles im Jazz verwurzelt sei. Bleibt die Frage ob man das überhaupt gebraucht hätte. Die Courage zur Collage der Klangfarben bleibt bis heute unterbewertet und wird zu oft als „NuJazz“ oder „Lounge“ abgetan. In Wirklichkeit entstanden kleine („In Between“) und große („Creating Pattern“) Meisterwerke. Auch wenn diese, im Gegensatz zu heute, Ende der Neunziger / Anfang 2000 mehr Aufmerksamkeit bekamen, gehören sie doch zu den musikalischen Geheimnissen deren Genialität nur einem kleinen Kreis von Insidern sich eröffnen konnte. Natürlich gab es Gilles Peterson der heißblütig diese Nummern zu Heldenhymnen aufbaute, jedoch auch nur einen bescheidenen Teil der Erdbevölkerung erreichte. Der Berliner Niko Schabel, hat als Radio Citizen vor 4 Jahren ein Album erschaffen, das all die genannten, genialen, zeitlosen Fusionsmomente intus hat und leider auch nur von gewohnten Stellen, die man fast als Insider bezeichnen darf, gelobt und gehuldigt wurde. Nicht umsonst hat das angesehene, amerikanische Indie-Label Ubiquity Records die Wundertüte „Berlin Serengeti“ veröffentlicht. Verortete man doch in Berlin jahrelang eher die künstlerisch affinen Mannen von Jazzanova und ihrem Sonar Kollektiv-Dunstkreis, zeigt Schabel, dass er mit den visionären Soundentwürfen mit den Jazzanova’schen Kreativarbeitern, die weltweit ein unglaublich starkes Branding besitzen, mithalten kann. Schabel schafft es wie wenige Künstler seinen Soundkosmos auf Platte zu transportieren. Dabei geht er hörbar nie den Weg des geringsten Widerstands. Er studiert die Tiefen des Freejazz um zugleich die synkopischen Strukturen des Funks in Einklang mit elektronischen Einflüssen zu bringen. Dabei geht es nicht darum, etwas Tanzbares zu schaffen – sondern etwas Einzigartiges. Schabel hat nach wie vor keine Ambitionen sich Trends anzubiedern, er hat sich auf seinem neuen Werk „Hope & Despair“ eher noch mehr zum Soundforscher entwickelt und sich in 1960er Film-Soundtracks, Rare Groove u.-Downbeaträume vertieft. Man spürt auf der Platte geradezu epische Züge und Radi Citizen verdeutlicht mal wieder, dass die progressivsten Entwürfe der Vergangenheit noch lange nicht in die Modern transportiert und interpretiert wurden. Er nimmt immer wieder direkten Bezug auf die Tiefgänge und Sphären von Künstlern wie dem Sun Ra Arkastra, Dizzy Gillespie oder The Art Esemble of Chicago. Schabel verliert in seiner Vision die sich am avantgardistischen und freien Jazz labt jedoch nie den Groove und das Eigenleben. Die Vielfalt afrikanischer Rhythmen wird wieder beachtet und futuristisch aufbereitet. Wie Kollege und Chefredakteur Thomas Berghaus über das Kompilieren der Uptown Strut „Editor’s Collection“ schon vermerkt hat, gibt es unglaublich gute und vielfältige Musik in und aus deutschen Landen, die den internationalen Vergleich nicht scheuen muss. Die Musik von Niko Schabel alias Radio Citizen gehört nicht nur dazu, sondern hat Champion League-Charkater. Die Umschreibung „revolutionär“ mag hier irreführend sein, weil Schabel mit seinen Entwürfen in keiner Weise bahn -brechendes, Zeiten-veränderndes oder Epchenschaffendes. Seine Musik ist jedoch voller Spannung und Autonomie, dass man lange nichts Nachhaltigeres hören durfte. Wenn man wieder 4 Jahre bis Schabel’ nächsten Wurf warten muss, macht das überhaupt nichts, weil hier ein kleiner Genius am Werke ist. Wer sich schon mal die Frage stellte, über was Musik-Magazine oder musikhistorische Aufbereitungen in 30 Jahren schreiben sollen, wenn schon alles über die 1960er und 1970er geschrieben ist – dann wird man schnell bei prinzipiell sträflich vernachlässigten Kunstwerken und Meisterstücken von Moodyman, 4 Hero, J.Dilla und Radio Citizen landen. Versprochen.

1. Du arbeitest auf deinem zweiten Album „Hope & Despair“ verstärkt mit live-Instrumentalisierung. Ist das die logische Konsequenz dich als Musiker auf der Bühne zeigen zu können oder wolltest du einfach einen organischeren Sound?

Ich wollte weg von den vielen Samples und ewigen Loops, zu mehr Tiefe und eigeneren Sounds. Es ist auch eine Konsequenz unserer Live-Auftritte, da die Stücke der ersten Radio Citizen Platte plötzlich auf der Bühne viel lebendiger und dynamischer klangen.

2. Auf deinem letzten Album waren 12 Musiker beteiligt. Du spielst selbst einige Instrumente. Wie wichtig ist es für die Definition deiner Musik, dass live eingespielte Musik in Kombination mit dem Sampling funktioniert?

Wichtig ist für mich, dieses Neunziger-Jahre-Ding, dass ein Saxophon zu irgendwelchen lauen Beats spielt, zu vermeiden. Wenn man länger mit der Kombination aus Samplen und Instrumenten arbeitet, merkt man, wie genial charmant eigentlich die Samples gespielt sind und warum man sie ausgewählt hat. Die Samples haben fast immer einen ganz speziellen unkonventionellen Sound, nicht ganz reine Intonation, irgendwelche absurden Störgeräusche im Hintergrund und trotz Holprigkeit groovenden Rhythmus.
Die Herausforderung an einer Kollage aus Live und Samples ist dann auch, dass die neu eingespielte Musik ein ähnliches Niveau wie die Samples erreichen muss. Aber diese Geschichte war mehr ein Thema für „Berlin Serengeti“, bei dem Album „Hope And Despair“ verschwinden die Samples mehr und es sind ungefähr doppelt so viele Musiker dabei..

3. Wie läuft der Entstehungsprozess eines Songs bei euch? Gibt es einen geregelten Ablauf wie „Sample gefunden, Beat programmieren, Instrumente hinzufügen“ etc?

Ja, das läuft ähnlich, wenn man noch ein paar Schritte wie Melodie schreiben, Sample wieder entfernen, Beat umstellen und alles komplett wieder löschen und von vorne anfangen hinzufügt.
Bei dem ganzen Prozess ist schon sehr viel Try&Error dabei, auch ein Grund, warum die Produktion des Albums sehr lange gebraucht hat.

4. Im Interview mit Will Holland alias Quantic erzählte er mir, dass es manchmal ganz schön chaotisch und anstrengend werden kann, wenn man als Musiker, Komponist, Programmierer und Produzent agiert und die Zügel überall selbst in der Hand halten möchte. Wie gehst du vor um nicht den Überblick zu verlieren?

Das Wichtigste ist, Aufnahme und Editing nicht an einem Tag durchzuführen. Generell hilft es, alle Prozesse zeitlich zu trennen – noch ein Grund für die lange Produktionsdauer des Albums.
So schön es ist, alles selber machen und kontrollieren zu können, ist es manchmal auch ein moderner Fluch, der einen mit Wehmut an die Studioarbeit der Sechziger und Siebziger denken lässt, als es selbst für die Bedienung der Bandmaschine einen extra Tape Operator gab.

5. Wie habt ihr euch alle kennen gelernt? Ich habe mal gelesen, dass du Bajka über die Münchner Funkband Whitefield Brothers (Poets of Rhythm) kennen gelernt hast….

Das war in New York, Brooklyn, wir waren beide für Studioaufnahmen dort eingeladen. Lustigerweise wohnten wir in dem Haus, in dem dann das Daptone Studio gebaut wurde und das Amy Winehouse Album aufgenommen wurde.
Wolfi Schlick kenne ich aus München, ich hab ein paarmal bei dem „Goldenen Zeitalter“ mitgespielt und habe dann bei seiner Express Brass Band mitgemacht.
Julian Waiblinger ging auf dieselbe Schule wie ich, aber richtig kennen gelernt haben wir uns, als ich ihn zufällig nach dem Plattenkaufen in Berlin getroffen habe und wir endeckt haben, dass uns dieselbe Musik gefällt.

6. Kanntest du Bajka’s Gesangskünste vorher schon z.B. von der inzwischen legendären Beanfield-Kooperation „Tides“?

Die Aufnahme für Tides war 2004, da haben wir schon zusammen gearbeitet. Aber ich kannte Bajka auch schon sehr flüchtig von meiner allerersten Band, sie kam eines Tages in den Proberaum und hat für ein kurzes Lied mitgesungen.

7. In eurer Musik spiegelt sich deutlich, dass du dich mit Jazz, Funk, Soul und afrikanischen Klangwelten beschäftigt hast. Welche 5 Platten würdest du als deine Hauptreferenzpunkte / Inspirationsquellen nennen und warum?

Ich glaube 100 Platten als Hauptreferenzpunkte herauszusuchen wäre realistischer, aber die meisten Platten in Sammlung habe ich von John Coltrane.

8. Die Tiefe von Musik vermisst man in aktuellen Werken sehr oft. Du scheinst die alten Scheiben von Sun Ra oder The Art Ensemble of Chicago, oder von dir favorisierten John Coltrane aufgesogen und studiert zu haben um sie in die Jetztzeit zu interpretieren. Wie viel von deinen Vorbildern ist den in „Hope & Despair“?

Diese Frage sollte eher der Hörer entscheiden, ich bin natürlich von allen sehr beeinflusst, aber in letzter Konsequenz sind die Radio Citizen Platten natürlich ganz anders gemacht (im Studio gefrickelt statt schnell live eingespielt) und aus einer ganz anderen Perspektive heraus.

9. Radio Citizen ist aus Berlin. Wenn man von der Hauptstadt, Fusion und Eklektik spricht, dann ist man sofort bei Jazzanova. Hat dich die Arbeit des Kollektivs inspiriert?

Nein, aber ich habe für das Sonar Kollektiv ein Remix gemacht und es war ein Vergnügen, mit ihnen zu arbeiten.

10. Wie kam es zum Deal mit Ubiquity in Kalifornien? Wollte man deine Musik nicht bei affinen Labels in Deutschland wie Compost, Sonar Kollektiv oder Unique?

Der Deal wurde von Will Holland (aka Quantic) eingefädelt, er hat damals meine Demo an Ubiquity weitergeleitet. Die waren dann sofort sehr begeistert, während ein paar deutsche Labels sich erst nach monatelanger Verspätung und relativ unmotiviert gemeldet haben.
Bis jetzt bin ich sehr glücklich mit Ubiquity, sie haben vor allem beim Licencing ganze Arbeit gemacht und meine Musik in Serien (z.B. Californication, Grey´s Anatomy) und Hollywoodfilme (Push, Takers) untergebracht.

11. Ich weiss nicht warum, aber schon bei deinem Debütalbum „Berlin Serengeti“ habe ich auf einem Remixalbum gehofft. Ich hatte sogar das Wunschdenken dass sich die Innerversion-Soldaten wie Ame, Henrik Schwarz oder Dixon deiner Musik annehmen dürfen. Dazu die Detroithelden Theo Parrish & Moodyman. Was meinst du dazu? Gab es jemals solche Pläne für dich.

Ein Album mit solchen Remixern wäre natürlich grossartig. Generell finde ich meistens Remixe, die sich musikalisch und stilistisch weiter vom Ausgangsmaterial entfernen, viel interessanter. Leider hatte Ubiquity bis jetzt noch keine Pläne in diese Richtung, aber das könnte auch noch kommen.

12. Du bist auch noch mit zwei anderen Projekten verbunden bzw. involviert. Da wäre die Münchner Combo Express Brass Band und zum anderen das Niko Schabel Quartet. Wo liegen hier die Schwerpunkte bzw. Unterschiede?

Die Express Brass Band ist eine Art Kollektiv, der grosse Spaß ist, mit mobilem Instrumentarium überall spielen zu können und viel zu reisen. Dieses Jahr waren wir in Istanbul, Südfrankreich und Wien. Die Reise nach Montpellier war wie direkt aus einem Fellini-Film geschnitten.
Das Quartet huldigt dem Free Jazz, wir haben vor kurzem die Montreal Tapes von Charlie Haden gecovert und spielen jetzt ein Programm aus nur eigenen Songs.

13. Auf „Hope & Despair“ gibt es deutliche Tendenzen in deinen Kompositionen die auf Soundtracks hinweisen. Wie du bereits erwähnt hast, ist deine Musik auch schon für Filme und Serien (z.B. „Grey’s Anatomy) benutzt worden. Warst du schon immer ein Fan von klassischer Filmmusik wie Ennio Morricone oder der Blaxploitation-Ära?

Ich höre sehr viel Filmmusik, den Soundtrack von „In the mood for love“, Nino Rota, Herbie Hancock´s Musik für „Death Wish“, der Barbarella-Soundtrack, David Shire´s „The Taking of Pelham One Two Three“ und viel mehr. Das inspiriert mich sehr.

14. Wie kam es dazu, dass man deine Musik entdeckt hat? Kennst du wichtige Music Supervisors oder waren das Auftragsarbeiten?

Leider nicht. Aber durch das Internet ist der Zugang zu Musik viel einfacher geworden und Radio Citizen recht einfach zu finden.

15. Was planst du für die Zukunft?

Ende Februar gehen wir auf Tour in Österreich, der Schweiz, Deutschland und Frankreich. Im Frühling werde ich für ein deutsch/iranisches Theaterprojekt Musik komponieren und aufführen. Außerdem haben wir schon mit den Aufnahmen für die nächste Platte angefangen!

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