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Wer braucht die Rückkehr der Königin?

Wer braucht die Rückkehr der Königin?

Wie aus dem Nichts erscheint eine der markantesten Neo-Soul-Figuren wieder. Mit ihrem unverwechselbaren Style aus 70er Affinität, geballtem Sex und Consiousness zauberte sie in einer bis dato unbekannten Art Musikliebhaber aus den verschiedensten Genres. Die Musikwelt feierte, die Fangemeinde schmachtete nach mehr und Kritiker hatten einen neuen Liebling. Nicht alles was nach ihrem sensationellen Debüt folgte, wurde wirklich realistisch rezensiert. Zu tief war die Zuneigung zu dieser Ausnahmekünstlerin die privat auch gerne so kreative Zeitgenossen wie Common, Andre Benjamin, D’Angelo oder der brand heisse Jay Electronica um sich scharrt. „New Amerykah“, ihr neues Album soll nun auch die ersten kritischen Stimmen wieder versöhnen und sie dort wieder ansiedeln, wo sie vor einer halben Ewigkeit hinkatapultiert wurde – den Thron. Oder bezweifelt jemand ihre lebendige Rolle im Kultkinostreifen „Blues Brothers 2000“ als abgespacte Königin etwa?

Außer den Flirts mit dem Wu-Tang-Clan, Dave Chappelle’s Block Party und den Sa-Ra Creative Partners hat man nichts von der obskur-charmanten Diva gehört. Seit Erykah Badu vor 11 Jahren mit „Baduizm“ imposant bewies, dass eine extravagante Jazz-Stimme mit HipHop-Erdung ein ganz neuartiges Bewusstsein des Soul schaffen kann, hörte sie wohl viel Funkadelic und futuristische Jazz & Soul-Entwürfe verschiedenster Musiker und Produzenten. Ihr neuer Longplayer dokumentiert diese Entwicklung, obwohl das für eingefleischte Fans nichts Neues ist. Im Inneren ist jede Badu-Platte eine Entdeckungsreise, deren Grundprinzip vor über 30 Jahren Gil-Scott Heron und Curtis Mayfield der Welt geschenkt haben. Tiefschwarz, mit der immer wiederkehrenden Bestrebung alles aufzuwühlen. Indirekt politisch, oft anrüchig und konsequent treffsicher. Spoken Poetry trifft auf die Fundamente der Soul Musik der Mayfield-Ära: Leidenschaft, Sozialkritik und Musikalität. Badu bekommt einen Switch hin, den viele schon so oft versuchten. Sie hält mit einer besonderen Grazie und der bereits berüchtigten verkifft-verpeilten Traümerei die Wurzeln zu ihrer Liebe des Lebens: HipHop. Warum ist diese Dame so immens wichtig für diese Subkultur so wichtig? Gerade 2008?

Inzwischen vertraue ich oft nur noch auf Musik, die einen gewissen Tiefgang beim ersten Hören schon erzwingt. Am Besten ist es wohl mit dem Wort „Grower“ beschrieben. In der heutigen Zeit, in der sich wenige nur noch die Mühe machen ein Album und sein Facettenreichtum zu entdecken, gibt es noch musikalische Oasen. Ja Ruheoasen, die dazu einladen den Alltag, die Hektik, die Konsumgewohnheit des Zappings und die multimediale Überreizung auszublenden. Diese speziellen Scheiben sind soweit weg von der Klingentonkultur wie die katholische Kirchen von grundsätzlichen Reformen. Natürlich findet man genau diese Platten in allen Genres – jedoch nur wenn man vorher den Aufwand betreibt und sich in seriösen Print- u. Online Magazinen informiert. Diese Zeit haben und nehmen sich viele Leute nicht mehr. Bewusst darüber ist sich jedoch kaum einer, dass man so indirekt die Verwasserung vorantreiben, sowie den Anspruch an gute Musik herabsetzen – weil die guten Scheiben keine großen Abnehmerzahlen mehr finden. Das ist keine drastische Zukunftsvision, sondern ein gegenwärtiger Trend, dessen Entwicklung sich seit Jahren abzeichnet. Natürlich gilt es hier auf eben diese musikalischen Leckerbissen mehr denn je aufmerksam zu machen.

Einer davon ist, nicht nur optisch, Erykah Badu. Der schwarze Panther, den man so oft zu einer zeitgenössischen Billie Holiday machen wollte.

Warum hat „New Amerykah“ also einen Sonderstatus? Analog zu den Soulbrother & Sisters Common, Jill Scott und Talib Kweli bekommt man den Faktor „Mehr“ geliefert. Künstler wie sie, legen ihre komplette Kraft, Kreativität und Ausdrucksstärke in ihre Musik. Das Resultat ist einfach mehr als die meisten aktuellen Künstler vorweisen können. Diese Frau verkauft ihren Songs mehr Sex als Foxy Brown und Lil’Kim zusammen. Dazu braucht sie keine Hotpants oder Silikonbrüste – sie vereinigt Erotik, Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit.

Zu den unabdinglichen Badu-Standards gehört einfach eine kräftige Portion Sinnlichkeit. Und wem schadet es nicht, mal wieder mehr Phantasie zu entwickeln? Die Kolleginnen Angie Stone und Jill Scott haben sich hier einiges abgeschaut und sicherlich haben sie alle nicht an Sexappeal verloren. Wohl auch der Grund warum sie für die The Roots Hymne „You got me“ Jill Scott, die es ursprünglich einsang, verdrängte.

Erykah verkörpert ihre eigene Welt. Diese Dame hat den gewissen Charme und authentische Ader völlig stoned und grasverliebt gegen harte Drogen referieren zu können und gleichzeitig der Handel damit zu legitimieren um im nächsten Atemzug wieder die Zusammenhänge zwischen Raum & Zeit zu verspinnen. Die Liebe zu der Musik der 70er kommt nicht von irgendwo. Ihre Attitüde mag oft verwirrend und komplex sein, jedoch sind die Parallelen zu Soulikonen wie Curtis Mayfield näher als man zuerst denkt. Die Gabe, ein Gefühl in einer denkbar kosmischen Art zu transportieren bzw. beschreiben haben nur wenige. Curtis und Erykah verbindet genau diese Gabe. „Blasphemie“ will mir da gleich ein Rare-Groove-Purist haltlos zu rufen. Ruhig, mein Freund. Wir lieben die gleiche Musik – nur hast du 1972 aufgehört Neue zu entdecken. Hier wird träumerische Streetpoetry, politisches Spoken Word natürlich in geballtem Soul eingewickelt. Addiert wird alles mit einer HipHop-Verknüpfung und abstrakte Neigung dazu, Musik über Umwege schöner zu machen. Damit das auch so umgesetzt wurde, wie Mrs.Badu das auch visionär vor sich sah, hatte sie mit dem kalifornischen freigeistlichen Stones Throw-Beatfrickler Madlib, dem Sample-Fanatiker aus North Carolina (9th Wonder), dem Roots-Drummer Ahmir „Questlove“ Thompson, der Philly-Producer-Legende James Poyser, dem J.Dilla-Protege Karriem Riggins und den allseits ge-u. überschätzten Sa-Ra Creative Partners eine ganze Armee an Leuten um sich gescharrt, die genau das taten was sie tun musste: Sie bastelten Grooves zwischen psychodelischem (P)-Funk, organischem HipHop und süss-obskuren, teilweise futuristischem Jazz. Der avantgardistische Geist von Vordenker wie Gil-Scott Heron und George Clinton’s Mutterschief schwebt hier völlig kalkuliert über jedem Song. Das endgeile Plattencover dokumentiert das nicht umsonst. Ob das nun zeitlos ist oder nicht ist dann letztlich immer noch eine Sache des Betrachters. Ganz großes Kino ist es aber ganz sicher, denn deswegen wird sie geliebt, ja oft schon verehrt. Das Video „Honey“ erzählt auch viele Geschichten – man muss sie nur wahrnehmen. Mit dem von ihr persönlich favorisierten Wu-Tang-Clan schließt sich nun ein Kreis. Mit RZA und Co. tourte sie vor über 10 Jahren und wurde zu einem wichtigen Teil der HipHop-Kultur – und steht jetzt mit dem Status Kult da. Ob mehr daraus wird?

Text: Peter Hagen

Foto: www.erykah-badu.com

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