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Ben Caplan: Next Level Folk Songs

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Auf seinem ergreifenden, eklektischen neuen Konzeptalbum erkundet Ben Caplan die zeitlose und aktuelle Reise von Flüchtlingen in ein neues Land als finster-humoristische Folk-Geschichte. “Old Stock” erscheint am 15. Juni und verbindet jüdische und osteuropäische Traditionen mit modernen Folk-Rock-Elementen und dramatischem Storytelling.

Wie kann man die Gräuel und Schrecken des Krieges hinter sich lassen und in einem fremden Land Liebe finden? Wie haben Generationen auf Generationen in einer feindseligen neuen Heimat ihre Leben wieder aufgebaut? Und wie viel Spielraum gestehen einem die ewigen Wahrheiten zu, die angeblich von einer höheren Macht bestimmt wurden?

Indem er zeitlose Melodien mit einem Folk-Rock-Ansatz verbindet und unterschiedliche Genres verschmelzt, stellt sich der Singer und Songwriter auf seinem neuen Album “Old Stock” (VÖ 15.06. in Zusammenarbeit mit Rhyme And Reason Records) diesen schwierigen Fragen mit trockenem Humor. Es ist eine Adaption des umjubelten Musiktheater-Stücks “Old Stock: A Refugee Love Story” und basiert auf der wahren Geschichte zweier jüdischer Flüchtlinge aus Rumänien, die 1908 nach Kanada kamen. Aus ihren Mühen webt Caplan ein fesselndes Konzeptalbum, das sich mit gleichermaßen schwarzhumorigen wie tief empfundenen Songs modernen Themen wie Immigration, Religion und Sexualität widmet.

“Mit diesem Album wollte ich das Gefühl eines ganzen Lebens vermitteln, oder einer persönlichen Reise”, sagt Caplan. “Am Ende stehen vielleicht mehr Fragen als Antworten, aber genau darum geht es für mich im Leben”.

“Old Stock: A Refugee Love Story” entstand zusammen mit der Dramatikerin Hannah Moscovitch und dem Regisseur und Co-Songwriter Christian Barry. Nach der Premiere in Caplans Heimatstadt Halifax, Nova Scotia, und sehr erfolgreichen Auftritten beim weltberühmten Edinburgh Fringe Festival folgte eine siebenwöchige Off-Broadway-Spielzeit im 59E59-Theater in New York, wo das Stück zum New York Times Critic’s Pick wurde. Caplan spielte dabei stets die Hauptrolle. Jetzt hat er aus den Songs des Theater-Scores eine Konzertversion entwickelt, mit der er in Nordamerika und Europa 2018 und 2019 mit einer fünfköpfigen Band auf Tour gehen wird.

Mit seinem enormen Bart, seiner widerspenstigen Mähne, seiner dröhnenden und doch intimen Stimme und seinem betörenden Charme hat Caplan auf der Bühne schon immer eine imposante Figur abgegeben. Der Weg in die Theaterwelt schien deswegen eine natürliche Weiterentwicklung. Genauso passt auch der Stoff von “Old Stock” zu ihm und seiner einzigartigen Mischung aus jüdischen und osteuropäischen Folk-Melodien und Roots-Folk-Rock, der sich auch im Songwriting widerspiegelt. Auf Caplans früheren Alben hatten Einflüsse vom Balkan und aus dem Klezmer die von ikonischen Künstlern wie Bob Dylan, Jethro Tull und Tom Waits inspirierten Songs untermalt. Nun sieht die Sache anders aus: Ins frühe 20. Jahrhundert passende Folk-Songs werden mit einem teuflischen modernen Glanz aufgeführt.

So schelmisch Caplan als Geschichtenerzähler auf der Bühne auch auftritt, eigentlich ist “Old Stock” eine zutiefst ernsthafte Bitte nach mehr Empathie für Immigranten und Flüchtlinge durch die ganze Geschichte hindurch. Der Titel bezieht sich auf eine berüchtigte Äußerung des ehemaligen kanadischem Premierministers Stephen Harper, der in einer Debatte während der syrischen Flüchtlingskrise behauptete, Kanadier “aus altem Bestand” wollten nicht, dass mit ihrem Geld die Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen bezahlt wird.

“Das hat mich wirklich erschüttert”, erinnert sich Caplan. “Ich sollte mit dieser gar nicht so versteckten Botschaft wohl auch angesprochen werden, aber das klappt nur, wenn man über ein wirklich naives und oberflächliches Geschichtswissen verfügt. Vor hundert Jahren waren meine Vorfahren keine ‚Alteingesessenen’. Mit dem Blick in die Geschichte wollte ich zeigen, wie viel wir alle gemeinsam haben mit denen, die oft als ‚Fremde’ präsentiert werden. Dafür habe ich mich auf die Geschichte von Menschen bezogen, die heute als voll integriert in die Gesellschaft Kanadas gelten, aber vor hundert Jahren selbst ‚die Fremden’ waren”.

Der erzählerische Bogen von “Old Stock” basiert auf der Geschichte der Urgroßeltern der Dramatikerin Hannah Moscovitch, die 1908 am Pier 21 – der kanadischen Entsprechung von Ellis Island – ankamen. “Nur Gott weiß, wo ihr herkommt”, singt Caplan im Song “You’ve Arrived” mit merkwürdig finsterem Unterton, “aber jetzt seid ihr hier”. Im Song beschreibt er die entmenschlichende Wirkung der ersten Untersuchungen und des Einbürgerungsprozederes, die unzählige Einwanderer in Kanada und anderen Ländern über sich ergehen lassen mussten.

Das Album beschäftigt sich auch mit anderen Problemen, denen jüdische Einwanderer ausgesetzt waren, wenn sie sich der neuen Kultur anpassen mussten: das bloße Überleben, Heiratsrituale, Sexualmoral. “Truth Doesn’t Live In A Book” präsentiert die mündliche Überlieferung im Judentum als Werkzeug, um religiöse Dogmen den sich verändernden kulturellen Kontexten anzupassen, während “Minimum Intervals” Lacher erzeugt, indem die talmudischen Vorschriften für Ehevollzug von Musik begleitet werden, um schließlich, mit Blick auf die #MeToo und #TimesUp Bewegungen, die Bedeutung von “consent” zu unterstreichen.

“Old Stock” deckt alle Emotionen ab, vom ungeschönten Pragmatismus in “Plough the Shit” hin zur zärtlichen Gutenacht-Säuselei “Lullaby”. “What Love Can Heartbreak Allow”, der letzte Song des Albums, stellt die Frage, wie man nach einem Leben voller Schmerz und Traumata Liebe nicht nur finden, sondern auch geben kann. “Es geht darum, wie man mit einem Menschen eine tiefe Beziehung aufbauen kann, der so verletzt ist, eine so vernarbte Seele hat”, erklärt Caplan. “Als junger Mensch teilt man alles oft in schwarz und weiß ein. Je älter man wird, mit desto mehr unaufgelösten Widersprüchen muss man leben”.

Caplan ist in Hamilton, Ontario, geboren und aufgewachsen, zog fürs Studium nach Halifax und blieb dort, nachdem er die lebendige, eng verknüpfte Musikszene entdeckt hatte. Während einer Backpacktour durch Europa fand er Zugang zu der reichen Folk-Tradition, die seiner Musik ihre besondere Klangfarbe verleiht. So traf er unter anderem vor einer Kathedrale im Balkan auf eine Bläserkapelle. “Ich hatte solche Musik vorher noch nie gehört, aber sie war mir trotzdem gleich vertraut”, erinnert er sich.

“Als Kind bin ich zwar in die Synagoge gegangen und habe dort liturgische Musik gehört, aber sie nie als ‚Musik’ wahrgenommen. Ich stand auf Grateful Dead, Joni Mitchell und Pink Floyd. Aber die Begegnung mit dieser Musik, die sich gleichzeitig alt und neu anfühlte, hat in mir ein Feuer entfacht. Ich fing an, darüber nachzudenken, wie ich diese Melodien für die Art von Songs benutzen konnte, die ich als kanadischer Typ in seinen Zwanzigern mit einem Faible für alten Rock schreiben wollte”.

Mit diesem Wunsch im Hinterkopf gründete Caplan seine Band “The Casual Smokers” und veröffentlichte die beiden gefeierten Alben ”In the Time of Great Remembering” (2011) und “Birds With Broken Wings” (2015). Im Zentrum der Musik steht Caplans tönender Bariton, der mal wie Schafs- und mal wie Stahlwolle klingt, und von einem Klangteppich aus Piano, Akkordeon, Orgel, Klarinette, Saxophon, Violine, Schlagzeug und manchmal einer Akustikgitarre unterstützt wird.


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