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NEW CALI BASS: NOSAJ THING

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Emotion gegen Technologie, Seele gegen Maschinen, Schönheit gegen Unstimmigkeit, Dystopie oder Paradies, Liebe oder Bedauern, Nostalgie gegen Jetztzeit, Paranoia und Akzeptanz.

Es ist eine Bandbreite an binären Gedanken und Gefühlen, die Jason Chung auf „Parallels“ erkundet, seinem vierten Album unter dem charakteristischen Künstlernamen Nosaj Thing. In meisterhaft dimensionaler Weise legt der aus Los Angeles stammende Electro-Produzent mit „Parallels“ seine bislang vielfältigste und vitalste Arbeit vor.

Im Grunde ist „Parallels“ für Chung auch eine Art erlösende Wiedergeburt. Die unwiderstehlich trügerischen, unkategorisierbaren Schwingungen des Albums entwickelten sich aus einer persönlichen und musikalischen „Identitätskrise“, wie er sagt. „My previous records reflected the anxiety of living inside my own imagination”, erklärt Chung. „For Parallels, I went outside of that: it’s all about trying new things, creating new worlds. In the past year, I faced up to my own internal struggles & became more social. This allowed me to jump styles & genres – exploring different emotions and sounds beyond what I’d done before. I’d make something ambient and cinematic, and then create a dancefloor beat, along with a broken hip-hop groove – and then try to make them work together.”

Laut Chung, der an „Parallels“ sowohl mit langjährigen Freunden als auch neuen kreativen Partnern gearbeitet hat, sorgte eben dieses Team für eine „neue Energie, die mich dazu gebracht hat mich nicht zu limitieren. Alles fühlte sich frisch und lebendig an.” Eigentlich beschwört der Titel „Parallels“ die intensive, intime Dualität, die Nosaj Thing und seine Kollegen teilen.

Chung ist vor allem für seine innovativen, unerwarteten musikalischen Paarungen bekannt: Kid Cudi nahm zu Nosaj Thing im Jahr 2006 über dessen MySpace-Seite Kontakt auf, was dazu führte, dass Chung seinen autobiografischen Klassiker „The Man on the Moon“ produzierte. Kendrick Lamar ging für den YouTube-Diamanten „Cloud 10” über Nosajs ätherischen Boom Bap. Chance The Rapper wiederum schnappte sich einen Beat von Nosaj für seinen großartigen Track „Paranoia“ (2013) und danke es ihm mit einem Gastbeitrag auf Nosaj Things letztem Album („Fated“, 2015). Chung und Blonde Redhead-Sängerin Kazu Makino haben ebenfalls schon auf gegenseitigen Releases miteinander zu tun gehabt. Ihre Stimme erscheint auf „Parallels“ als sein jenseitiger Geist, der das eisig-synthetische 80s-Stück „How We Do” belebt.

Während „How We Do” gleichzeitig als kleiner Vorgeschmack auf eine kommende Makino/Nosaj EP dient, die später in diesem Jahr erscheinen soll, hebt „Parallels“ auch die neuen künstlerischen Ebenen hervor, die Nosaj Things unterschiedliche Klangwelten beleben. Nachdem Zuri Marley, das jüngste Mitglied der geschichtsträchtigen Marley-Familie, Chung nach einer Blood Orange-Show im Ace Hotel in Los Angeles traf, entstand während einer gemeinsamen Session das John Hughes-trifft-auf-Rihanna-artige „Way We Were”, eine postmoderne Pop-Ballade, die anders klingt als alles, was Chung zuvor ablieferte.

An anderer Stelle auf „Parallels” gibt es mit „All Points Back to U” die erste Zusammenarbeit zwischen Chung und dem ikonoklastischen Londoner Sänger und Produzenten Steve Spacek zu hören, eine rätselhafte Fantasy-Story zum Thema Rache. Spaceks erstaunliche Vocalperformance voller düsterem Soul tröpfelt dabei nur so über Chungs angespannt analoge John Carpenter-Synths und die benommenen Vierviertel-Kicks.

Jedoch merkt Chung an, dass sich auch die Solotracks auf „Parallels” „anfühlen wie Dinge, die ich nie zuvor auf meinen früheren Tracks ausprobiert habe.” Zu erwähnen wäre dabei zum Beispiel der Song „Form” mit seinen duselig ansteckenden, Tangerine Dream-artigen Soundtrack-Melodien und gefundenen Vocal-Experimenten, für die er heimlich die Unterhaltung eines Sicherheitsmitarbeiters während der Picasso & Rivera: Conversations Across Time Ausstellung im Los Angeles County Museum of Art mitschnitt, zu der dieser seine Mutter mitbrachte. Auch der heraufbeschwörende Opener „Nowhere” fällt in diese Kategorie.

Die unerforschten Gebiete auf „Parallels” sind auch das Ergebnis davon, dass Chung zu einem vollständigen kreativen Neuanfang gezwungen war. Was als Trauerspiel begann, endete in einer entscheidenden Erleuchtung.

Während einer Tour mit Warp Records´ Elektro-Querdenker Clark wurde Chung in Houston sein gesamtes Equipment gestohlen. Drunter waren auch Festplatten, für die es noch kein Backup gab und die fast drei Jahre harter Arbeit enthielten, die zum neuen Nosaj Thing Album werden sollte. „Ich habe alles verloren”, sagt Chung. „Ich war auf jeden Fall geschockt, bin inzwischen aber glücklich, dass es passiert ist. Das war der Schlag ins Gesicht, den ich brauchte, um meine Arbeitsmoral und Qualitätskontrolle wiederzugewinnen.”

Letztlich war die Entstehung von „Parallels” für Chung eine Art Rehabilitation: Der Titel des Songs „TM“, als Beispiel, widmet sich Chungs Eintauchen in die Meditation, die für ihn „wie Medizin funktionierte“. „I’d moved every year since 2011, and for the first time in as long as I could remember, I felt comfortable in where and who I am, so I was able to let my music music evolve with a new transparency.” „Parallels” fast Chungs Einflüsse und deren unvorhersehbare Ausdehnung bis heute zusammen – vom Grime- und Bass-lastigen „Get Like” bis zum tropischen 2-Step-Groove von „U G.“ mit seinen gechoppten Todd Edwards-Vocal Samples.

Andererseits war solch stilistische Fluidität immer schon präsent in der DNA von Nosaj Things Ästhetik. Aufgewachsen in den Vororten von Los Angeles, begann Chung in seinem Schlafzimmer schrullige PC-Beats zu zimmern. Beeinflusst wurde er dabei von den beiden musikalischen Polen seiner heimischen Umgebung: 90´s Rave und West Coast Hip-Hop zwischen Indie-MCs und Dr. Dre’s G-Funk. Mit der Weiterentwicklung seiner Musik begann er D.I.Y.-Live Sets im The Smells zu spielen, dem Zufluchtsort für experimentelle Musik in L.A.; einem Schmelztiegel, dem auch Bands wie No Age und HEALTH entsprangen.

Anschließend verfeinerte er Nosaj Things gefeierte, technisch umwerfende audiovisuelle Sets im legendären Low End Theory Club an der Seite von Flying Lotus und Gaslamp Killer. Nach dem Durchbruch mit seinem Solodebüt „Drift” im Jahr 2009 (Pitchfork: „Nosaj Thing has a great ear for leftfield sounds and makes gloriously haunted, glitch-y hip-hop”), spielte Nosaj beim Coachella und beim FYF Fest. Er trat auf den angesehensten Festivals und in den besten Venues weltweit auf, teilte Bühnen mit Künstlern wie Toro Y Moi und steuerte offizielle Remixe für Beck bis Phillip Glass bei.

„Parallels” destilliert diese ganze Geschichte bis zur Essenz und verleiht Nosajs typischer Mischung aus Futurismus, Nostalgie, unauslöschlichen, unerwarteten Melodien und einem die Massen bewegenden Sound den höchsten Ausdruck. Das Album ist die ultimative Umsetzung von Chungs vielfältiger, avantgardistischer Empfindsamkeit, die ihn immer wieder in wahre und neue Gefilde führt. „I’m always excited for the next phase, but learned the most I ever have making this record”, sagt Chung. „Those moments creating, making electronic-based music that came out of DJ culture, it’s important to keep things raw and spontaneous. That’s why I took those extra steps into the unknown on Parallels: it’s an evolution, and I wanted it sound like it.”


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