Interview

INTERVIEW: BOCA45 (BRISTOL/UK)

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Scott Stephen Hendy aka Boca45 ist eine weltweit gebuchte DJ-Institution aus Bristol/UK. Er gehört zu den wichtigen Triebkräften des internationalen Zirkels an Plattendrehern und Produzenten, die sich den funky Breakbeats leidenschaftlich widmen und weiterentwickeln. Dieser Mann zerlegt einen Club mit seinen Skills an den Plattentellern und gehört zu einer Riege weltweiter 7inch-Vinylisten, die es sich zum Auftrag gemacht haben, mit ihren Sets alles zwischen Funk, Krautrock, Soul, Jazz, Afro, Disco und Reggae und HipHop zwischen 1960 und 2015 in den Club zu schießen, was rockt. Mit Andy Smith von Portishead tourte er um die Welt und begeisterte als Dynamo Production. Immer wieder ist er mit eigenen Produktionen dabei die funkigen Breakbeats weiterzuentwickeln. Der sympathische Brite stellte sich unseren Fragen!

1. Wie kamst du zu deinem DJ-Namen?

Boca45: Das ist ein Zusammenspiel von zwei meiner Leidenschaften. Ich bin sehr Fußballbegeistert und das argentinische Team Boca Juniors faszinierte mich schon immer. Dazu bin ich natürlich ein große Sammler der 7inch-Single, der 45.

2. Wie begann deine DJ-Karriere?

Boca45: Meine ersten richtigen DJ-Gigs waren im Louisiana Pub in Bristol. Dort spielte ich Anfang der 1990er und wurde angefixt davon. Ich fing an verstärkt zu Platten zu sammeln.

3. Wie viele Platten umfasst deine Sammlung inzwischen?

Boca45: Ich bin mir gar nicht mehr so sicher über die Anzahl. Es sind schon einige Tausend. Ich digge immer und überall wo ich bin.

4. Aber die Single hat es dir angetan?!

Boca45: Ja, so manch einer bezeichnet das als 45-Fetish! Die Single hat mich schon immer am meisten interessiert.

5. Findest du dann beim Crate Diggin‘ auch die Inspirationsquellen für deine eigenen Produktionen?

Boca45: Das ist einfach essentiell für den Prozess, wie ich zu meiner Musik komme. Ich suche nach außergewöhnlichen Platten. Diese lege ich auf und ziehe meine Ideen daraus für meine eigenen Veröffentlichungen.

6. Erinnerst du dich noch an die erste Jazz-Scheibe, die du gekauft hast?

Boca45: Das ist lange her. Es muss eine Blue Note-Compilation gewesen sein, weil mich die Breaks interessiert haben, die in HipHop-Songs der 1980er und 1990er gesampled wurden.

7. Und dann kam deine Liebe zum Funk…

Boca45: Ich habe früh angefangen Funk zu diggen. Besonders fasziniert haben mich anfangs die Platten von The JBs.

8. Wie kann man sich die kreativen Tage von Bristol in den 90ern vorstellen?

Boca45: Es war sehr viel los und viele kreative Prozesse unterschiedlichster Art fanden statt. Ich arbeitete in einem großen HipHop-Plattenladen. Dort lernte ich viele Leute kennen. Ich legte in sehr vielen Clubs auf. Dann kam dazu, dass Kollegen wie Massive Attack oder Portishead international abräumten – und das mit einem Sound, der „Bristolsound“ hieß. Das trieb mich sehr an meine eigene Vision musikalisch umzusetzen.

9. Wo hast du die besten Partys gefeiert?

Boca45: Das waren viele. In der Clubszene in den UK ist ständig Bewegung drin und es ändert sich ständig etwas. Ich mag nach wie vor die Partys im LANES in Bristol. Dort kann man Bowlen, Pizza essen und tanzen. Das beste Soundsystem ist im Mojo Club in Hamburg. Dort hatte ich eine großartige Zeit.

10. Ich erinnere mich an die Zeit der Jahrtausendwende. BBE veröffentlichte die „Deep Funk“ Compilations von Keb Darge und es begann ein Mega-Hype weltweit um die rarsten, blutigsten Garagen-Funk-Scheiben. Wie siehst du zurück auf diese Phase?

Boca45: Der Hype war zu groß, zu übertrieben und irgendwann sogar etwas zu snobbig für die eigene Definition. Die Dimensionen wurden gesprengt und übertrieben. Ich denke, eine gute Scheibe ist einfach eine gute Scheibe. Egal ob du 1 Pfund oder 1000 Pfund dafür zahlst.

11. Du kommst durch deine DJ-Tätigkeit sehr viel rum auf der Welt. Was bedeuten diese DJ-Reisen für dich?

Boca45: Ich liebe das und erinnere mich besonders gerne an die Zeit um 2000, als ich mit Andy Smith 2 bis 3 mal im Jahr in Australien auflegte. Damals waren wir sehr stark gebucht und down under sehr beliebt.

12. Was sind deine Geheimwaffen beim Auflegen?

Boca45: Meine Singles! Mehr wird nicht verraten!

13. Kommen wir zu deiner anderen Liebe, dem Fußball. Bist du ein ManU-Fan?

Boca45: ManU ist eine absolute Institution. Ich habe jedoch keinen Bezug zu ihnen. Ich bin ein Bristol City Fan!

14. Durch deine DJ und Plattenverkäufer-Tätigkeiten hast du auch die hiesige HipHop-Kultur mitverfolgt. An was erinnerst du dich gerne?

Boca45: Ich durfte im Laufe der Jahre viele Underground-Künstler, DJs, Produzenten und Pioniere wie Rodney P. oder auch Roots Manuva kennenlernen. Es war ein große Ehre für mich, weil ich ihre Musik sehr schätze.

15. Du hast u.a. auch auf dem deutschen Label Unique Records veröffentlicht…

Boca45: Ja, das Label öffnete uns viele Türen. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an Deutschland. Henry Storch, der Labelmacher, ist ein richtig guter Typ. Malente, der damals auch sehr spannende funkige Exeriemente machte fand ich auch immer super. Leider habe ich seit Jahren nichts mehr von ihm gehört.

16. Du bist mit DJ Format befreundet. Musikalisch seid ihr auch irgendwie Seelenverwandte…

Boca45: Ja das ist er! Ich bewundere sein hohes Niveau als DJ und Produzent. Es ist immer ein Highlight wenn wir uns treffen und austauschen. Ich liebe diesen Kerl. Er ist auch ein richtig witziger Menschen mit dem man richtig gut einen trinken kann.

17. Deine neue Platte heist “Dig Eat Beats Repeat”…

Boca45: Ich will nicht zu viel verraten. Du solltest sie hören!

18. Habe ich schon. Sie ist keine Überraschung! Quality funky breakbeats!

Boca45: Erzähle allen deinen Freunden davon!

19. Was hat es sich genau mit der 45LIVE POSSE auf sich?

Boca45: Marc Hype aus Deutschland und Soulbrother Suspect aus Frankreich gehören u.a dazu. Das sind Leute wie ich. Gute DJs mit super Platten – eben spezialisiert auf 45s.

20. An was arbeitest du jetzt, wenn dein Album promoted ist?

Boca45: Ich mache gerade wieder Remix-Arbeiten. Habe aber auch meine Songs remixen lassen. Soundsci (Oli Teeba & Johnny Cuba) haben gerade einen richtig fetten Remix für mich abgeliefert. Er wird im Sommer als Single veröffentlicht.

21. Deine Vinyl-Liebe kommt in jedem Satz zum Vorschein. Sind digitale DJ-Systeme wie Serato und Traktor nichts für dich?

Boca45: Ja ich liebe es mit Vinyl aufzulegen. Aber ich habe absolut nichts gegen das digitale Auflegen. Ich habe Serato auch – aber benutze es kaum. Letztes Jahr habe ich J-Rocc gesehen wie er mit Serato ein unglaubliches Set gespielt hat. Ehrlich, das wäre so mit Vinyl nicht möglich gewesen. Das ist ein Fortschritt. Vinyl gefällt mir persönlich besser.

Interview & Text: Phonk Ribery (1beat.de)


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