Rajko Müller ist besser bekannt als Isolee. Unter seinem Produzenten-Pseudonym hat er unzählige Klangsymbiosen zwischen House, Electro und Techno gebildet. Isolee steht für Qualität und für einen ganz eigenen Soundkosmos. Der Frankfurter hat genau deshalb innerhalb der Szene eine so außergewöhnliche Stellung. Mit seinem Labelkollegen Alter Ego veröffentlichte er eine Sammlung seiner Werke („Western Store“) die über all die Jahre selten aber immer gefeiert veröffentlicht wurden. Hier konnte man noch mal sehen, warum all die raren 12inch-Releases so begehrt waren und immer noch sind. Auch wenn es seit dieser VÖ ruhig geworden ist, bleibt seine Musik immer noch präsent und relevant. Sein viel gelobtes offizielles Album „We are Monster“ gehört zu den wichtigsten Werken elektronischer Musik aus Deutschland und verstärkt das Unverständnis darüber, dass dieser Mann so selten Musik veröffentlicht. Sein weltweit gefeierter Hit „Beau mont plage“ flirtete noch mit Brazil worauf man ihn gerne festgenagelt hätte. Dubwelten, Subbässe, deepe und technoide Sphären gibt es bei jeder einzelnen Produktion des Herrn aus Hessen zu entdecken. Die EP „October Nightingale“ bewies 2009, dass Isolee noch immer aktiv ist und man mit ihm rechnen kann. Von seinen abenteuerlichen Remixen ganz zu schweigen… Text & Interview: Peter "Parker" Hagen
1. Die Legende besagt, dass du ein normales Tape mit deinen eigenen Sounds über einen Freund den Playhouse Leuten zukommen liest. Bist du froh, dass du eine Plattform für
deine Musik gefunden hast?
Das ist keine Legende, sondern ein ziemlich gewöhnlicher Vorgang. Ich habe damals meine ersten Produktionen einem Freund vorgespielt, der zufälligerweise im Plattenlden „Delirium“ arbeitete, wo auch die Leute von Playhouse seinerzeit Platten bzw. Kleidung verkauften. Eines Tages schlug besagter Freund namens Andreas Baumecker vor, die Sachen doch mal Ata und Heiko vorzuspielen. So kam es dann zur ersten isolée 12“. Natürlich bin ich froh, über diesen unkomplizierten Weg eine Plattform für meine Musik gefunden zu haben. Das erspart mir so einigen Ärger und Enttäuchungen, die oft mit der Suche nach einem geeigneten Label verbunden sind.
2. Dein Remix für Recloose’s „Cardiology“ gilt in Insiderkreisen als die Platte überhaupt
und läuft auch bei vielen Djs auf High Rotation. Was für ein Gefühl ist das, wenn man in einen Club geht und ein Big-name DJ legt deinen Remix auf? Das direkteste Feedback was man bekommen kann, oder?
Das schönste Feedback, das man bekommen kann, ist für mich immer dann, wenn ich am wenigsten damit rechne. Also wenn ich im Club oder irgend einem anderen öffentlichen Raum bin, und ein Dj, den ich nicht persönlich kenne, eine Platte von mir spielt. Man sieht dann, welche Wirkung die Musik auf die Menschen hat. Ein schönes Feedback ist aber immer auch, wenn ich persönlich gesagt bekomme, wie sehr jemand meine Arbeit schätzt, oder wie sehr ihm eine bestimmte Platte von mir gefällt.
3. Ich schätze deine Arbeit!
(Grinst) Danke.
4. Wie sieht dein musikalischer Background aus? Warst du schon immer ein Fan von elektronischer Musik?
Nein, nicht schon immer. Ich habe als Teenager hauptsächlich Popmusik gehört, wobei mir allerdings die Synthy-Poper wie Depeche-Mode am besten gefielen. Später habe ich mich auch eine Weile für EBM interessiert. Daneben habe ich aber auch viel Rock und Gitarren-Bands wie the Smiths, Velvet-Underground oder the Violent Femmes gehört. Außerdem auch Reggae und Ska, und später auch ein bischen Hip-Hop. Ich will hier jetzt aber nicht alles auflisten. Grundsätzlich hänge ich aber nicht einer Musikrichtung an, ich bin immer neugierig, Neues zu entdecken. Ich höre mir auch gerne mal eine country platte an, oder blues, oder tafelmusik…
- Wenn du 5 Platten auswählen müsstest, die dich geprägt haben, welche wären das?
Das ist eine äußerst fragwürdige Frage… zum Glück muß ich diese Auswahl ja nicht treffen, und wenn doch, ich hätte ständig das Gefühl, das ganz viele andere Platten fehlen würden und ein ganz verzerrter Eindruck entstehen würde. Mir würden ständig andere Platten einfallen, die ich dann vergessen hätte… Diese 5 Platten würden plötzlich so wichtig erscheinen, dass man sie kaum objektiv aussuchen kann. Insofern will diese top5 lieber nicht aufstellen.
- Underground Resistance und Ron Trent werden in letzter Zeit immer wieder als musikalische Einflüsse, aktueller Djs und Produzenten genannt. Obwohl vor 10-12 Jahren noch viele eigentlich garnicht gewusst haben was man unter „Detroit“ versteht.
Wie siehst du das?
Das hängt ein bißchen von den DJs ab, bzw. seit wann diese schon als Djs arbeiten und wie alt sie sind. Also in meinem Umfeld haben Chez damier/Ron Trend mit Prescription Underground immer eine große Rolle gespielt. Diese Platten wurden viel gehört und auch gespielt. Detroit war mit Carl graig, Robert Hood, Jeff mils und Underground Resistance eine feste Größe im Bereich Techno. Diese Platten haben mich definitiv von Anfang an geprägt. Ähnlich bedeutend ist Basic Channel, ins besondere die Philips-tracks sind eine Art meilenstein.
7. Denkst du dass die Bezeichnung „Techno“ im Allgemeinen einen negativen Beigeschmack hat und immer noch viele Vorurteile beinhaltet, gerade in Deutschland? Techno ist nunmal vielschichtiger als vor 10 Jahren, als viele nur Westbam und Mayday damit verbinden konnten.
Je nach dem mit wem ich darüber spreche, habe ich zuweilen das Bedürfnis, mein Cerständnis von Techno zu erklären, gerade weil man soviel darunter verstehen kann, also auch negatives, wie zB mainstream-radio-Trance. Der Begriff Techno umfasst jedenfalls nicht für jeden dieselbe Musik, so dass man meistens noch ein paar abgrenzende Worte hinzufügen muss. Das heißt nicht unbedingt, das der Begriff einen negativen Beigeschmack hat.
8. Was denkst du wohin die Produktionen in Zukunft hingehen werden?
Darüber kann ich keine Prognosen abgeben, ich hätte jedenfals nichts dagegen dass die deepen Sachen wieder vermehr kommen. Mir gefällt au sehr gut, daß ein DJ wie Ricardo Villalobos mit seinen Produktionen die Zuhörer in ihren hörgewohnheiten irritiert, und dabei sehr feinfühlig und sensibel bleibt. Ich begrüße es jedenfals, wenn in der Clubmusik nicht alles so eindeutig wird, sondern die Clubber auch für Nuancen und Zweideutigkeiten offen bleiben.
8. Hast du jemals daran gedacht, einen mehr massentauglichen Clubtune zu basteln, wie
z.B. „Call on me“ ( Eric Prydz)? In dem man einfach ein mehr oder wenig bekanntes 80er Sample benutzt, um einfach Kohle zu verdienen?
Nein, daran denke ich eigentlich nicht. Wahrscheinlich weil mich die Musik meist nicht wirklich interessiert, außerdem bin ich finanziell nicht darauf angewiesen. Abgesehen davon hört sich das einfacher an, als es vermutlich ist, ich bin mir nicht sicher, ob ich das überhaupt könnte. dazu gehört wohl eine ganz bestimmte Begabung. Mich beschäftigt eher der Gedanke, meine Fähigkeiten in einem fremden Projekt zu versuchen. Also etwas zu produzieren, das sich andere ausgedacht haben.
9. Ist die Logic Software deiner Meinung nach immer noch das Non plus ultra wenn es
darum geht Musik zu produzieren? Mit welchem Equipment arbeits du?
Ich arbeite zufälligerweise mit Logic und bin sehr zufrieden damit. Ich denke, dass da jeder seine persönlichen Vorlieben hat. Ich neige im Moment dazu, viel analoge peripherie zu benutzen, also auch Gitarreneffektgeräte. Ich versuche, nicht alles im Rechner mit Hilfe von plugins zu machen, weil ich lieber an Knöpchen drehe und den Charakter bestimmter Hardware haben möchte. Ich mag die Beziehung zu bestimmten Geräten, wie z.b ein analoges mischpult.
10. Durch den Einfluss von Leute wie Neptunes & Timberland gibt es immer mehr elektronischere Beats bei HipHop und RnB Produktionen. Glaubst du das jede Stilrichtung sich
Irgendwann von der traditionellen Art lösen muss um sich neu zu erfinden?
Ich glaube schon das es so ist. Wahrscheinlich liegt das immer in der Luft. Irgenwann wird sich ein bestimmetr Sound wieder „neu erfinden“ indem er auf seinen Ursprung zurückkommt.
11. Wie wichtig sind heute noch Djs um Musik dem Publikum näher zu bringen? Hat der DJ im Allgemeinen überhaupt noch die Möglichkeit das Publikum zu einem Hit zu „erziehen“? Musik ist durch die MP3 Flut inzwischen für jederman zugänglicher und ein grossteil potentieller Käufer
überreizt!
Djs haben natürlich einen großen Einfluss auf das Publikum, das in die Clubs geht. Eine Frage ist aber, was der Dj aus seinen Möglichkeiten macht. Insgesammt ist das aber ein kleiner Teil der Musikkonsumenten, und Hits werden vermutlich eher durch das Fernsehen und das Radio „erzogen“. Ich weiß gar nicht, ob es so wünschenswert ist, dass djs Hits erziehen.
12. Du kannst inzwischen auf eine beachtliche Anzahl an Releasen u.a .auf den Labels Classic und Playhouse zurückblicken. Welche waren für dich persönlich die wichtigsten und warum?
Natürlich sind „Beau mot plage“ und das album „Rest“ die wichtigsten Releases für mich. Beau mot plage hat den Namen isolée auf eine neue Bekanntheitsebe gehoben, und das Album „Rest“ ist ein Druck- und Sorglos produziertes album, das ziemlich kompromisslos seinen eigenen Sound vertritt. Durch den Erfolg von „beau mot plage“ kam dem Album sicher eine besondere Aufmerksamkeit zuteil, das es vielleicht sonst gar nicht bekommen hätte.
13. Wieviel Zeit investierst du durchschnittlich in der Woche ins produzieren?
Ich versuche einen relativ kontinuierlichen Arbeitsrytmus einzuhalten, wobei das produzieren trotzdem nicht immer auf Knopfdruck funktioniert. Im prinzip investiere ich aber jeden Tag ins produzieren. Wenn ich keine Ideen habe, mache ich eine Pause.
14. Gerade von einigen Produzenten aus Frankreich weiss ich, dass sie ihre kreativsten Momenten im „Produzieren“ haben, wenn sie nach einem Konzert oder Clubbesuch
sofort ins Studio gehen. Wann kannst du am besten an Produktionen schrauben? Was inspirit dich besonders?
Es ist auf jeden fall inspirierend, wenn man von anderen Produktionen beeindruckt ist. Das passiert nach dem clubben oder musikhören zuhause. Es lässt sich aber keine Regel daraus ableiten. Eine Reise kann auch sehr inspirierend sein, manchmal mache ich die besten Produktionen aus purer langeweile.
15. Wenn jemand bei dir nach einem Remix fragen würde, darf er dann Wünsche bzw. Vorstellungen äußeren? Oder ist dass dann ein Eingriff in deine künstlerische Freiheit, die du dir offen halten musst um nicht kreativ beschnitten zu werden?
Mich interessiert es, was sich derjenige vorstellt, wenn er mich nach einen remix fragt. Ich betrachte das remixen auch als eine art Dienstleistung. wenn derjenige allerdings sagt, er möchte, das der Remix sich so anhört wie “Beau mot plage”, dann habe ich keine Lust dazu.
16. Stimmen heute noch die Verhältnisse, wenn man hört das z.B. die Neptunes
für eine einzelne Produktion ca. 200 000 Dollar verlangen und auch bekommen? Und kreative Köpfe wie Seiji oder Hendrick Schwarz nicht mal ein Bruchteil davon?
Diese Summen stehen wahrscheinlich in keinem richtigen Verhältnis zur Kreativität, vielleicht eher zu den erwarteten Verkaufszahlen… wenn jemand aber soviel Geld verlangen kann und es auch bekommt, dann sollte er es ruhig tun. Die Neptunes könnten von Planet e (Label von Carl Craig) wohl auch 200 000 Dollar verlangen, würden es aber wahrscheinlich nicht bekommen, weil Planet e keine 200 000 Dollar dafür hätte bzw. zahlen wollte. Ich glaube, das sind 2 Welten, die nach unterschiedlichen Gesetzen funktionieren, die aber nicht an der Kreativität gemessen werden können. HipHop war zu dieser Zeit sehr Mainstream – das änderte sich ja auch wieder.
17. Was ist dein persönlicher Jazzriot?
Jamie Lidell Live auf der Bühne!