Interview

INTERVIEW: RALF ZITZMANN (AGOGO RECORDS)

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Agogo Records ist seit 10 Jahren das Label mit dem jazzy good Vibe! Nein, es ist noch viel mehr. Das wissen die Fans dieses kleinen Independent-Imprints aus Hannover ganz genau. Hier schaffen die drei Aktivisten Ralf Droesemeyer & Mark “Foh” Wetzler und Ralf Zitzmann eine Plattform für eine facettenreiche, sehr bunte Subkultur – die wunderbar in den Genres Electronica, Jazz, Latin, Afro, Funk, Soul oder HipHop herumtänzelt und seit 2006 immer wieder für großartige musikalische Momente sorgt. 10 Jahre Agogo Records bedeuten nicht nur 10 Jahre tolle Veröffentlichungen, sondern auch Clubnächte, Vinyl, Austausch, Grenzbegehungen, Risiken, Kampf und viel Liebe für die Musik. Das ist alle Mal ein Gespräch wert. Ralf Zitzmann, der vor 10 Jahren mit den beiden Mo’ Horizons-Jungs das Label gründete, stand uns Rede und Antwort.

1. Gratuliere! Das neue Werk “Raw & Cooked“ steht vor der Veröffentlichung. Ich habe es schon gehört und gespielt und es ist großartig und sehr facettenreich. Welche Intention steckt hinter diesem Projekt?

Vielen Dank für das Lob, das freut uns sehr !Wir wollten einfach ein großartiges modernes Jazz – Album machen.; naja, und das ist dann dabei heraus gekommen. Nachdem man die Songs sicher mehr als hundert Mal gehört und verändert hat, und dann letztendlich zum Schluß gekommen ist, kann man wirklich nicht mehr einschätzen, was man da eigentlich gemacht hat. Jetzt ist es in der Welt und wir sind wirklich sehr auf die Resonanz gespannt.

2. Wie habt das logistisch hinbekommen – ihr wohnt ja nicht alle in Hannover?

Wir haben uns für einige Tage im Studio verkrochen und die Band hat drauflos gespielt. Jeder von uns hatte einige Layouts, Ideen für Songs; daraus hat sich dann alles weiter entwickelt. Die Sänger haben von uns die Instrumental – Versionen zugeschickt bekommen, ihre Lyrics geschrieben und anschließend die Gesangsspur eingesungen.

3. Eine der gefeierten Platten des letzten Jahres war „The Epic“ von Kamashi Washington. Eine Scheibe die nicht gerade zu den leicht verdaulichen Jazz-Kostbarkeiten gehört. Wie erklärst du dir, dass Kritiker wie Publikum das so positiv aufgenommen haben – und dagegen andere hochwertigen Jazzveröffentlichungen untergehen?

Schwer zu sagen warum sich alle auf dieses Album einigen können und andere untergehen. Ich kann es nicht erklären, aber ich hoffe auf mehr Erfolge solcher Musik in Zukunft.

4. Vor über 20 Jahren gab es die von London aus rollende „ACID JAZZ“-Welle. Wie ist rückblickend dein Resümee? Interessierten sich dadurch wirklich mehr Menschen für jazzige Sounds?

Ganz sicher: ja !

5. Nach Acid Jazz kam Ende der 1990er die „NuJazz“-Welle mit Jazzanova, Trüby/Compost, Raw Fusion, Ninja Tune usw. Hier habt auch ihr eure Anfänge mit Mo Horizons. Wie wichtig war diese Phase für euch als Musiker/Produzenten?

“Acid Jazz” und “NuJazz” waren sehr wichtig für Mo’Horizons und ganz sicher der Ausgangspunkt für ihre gemeinsame Arbeit. Ralf Droesemeyer hatte vor diesem Projekt aber schon ein Album für Randy Crawford produziert, war also musikalisch sowieso nicht so weit weg…Das Interesse an Fusionen von tanzbaren Clubbeats und jazzigen und latinesken Sounds war groß.

6. Mit dem Hidden Jazz Quartett orientiert ihr euch sehr facettenreich auf verschieden Epochen und Spielarten von Jazz. Unter anderem auch auf die politisch-brisante und prägende Zeit der 1960er als Jazz durchaus als Statement gegen Rassismus und soziale Missstände galt. Brauchen wir nicht grade in Zeiten des Rechtsrucks in Europa, Pegida und ähnlichen unwürdigen Auswüchsen eine Rückbesinnung auf diese Zeit?

Tendenziell denke ich nicht, dass früher irgendetwas viel besser gewesen sein soll. Mir scheinen die sozialen Missstände, die Zerstörung der Umwelt und die kapitalistische Habgier heute aber wesentlich offensichtlicher zu sein. Es wird definitv Zeit für eine positive Revolution; ich bezweifel allerdings sehr, dass Kunst der Auslöser dafür sein kann. nichtsdestotrotz bin ich für eine eindeutige Haltung und auch für Taten !

7. Ich habe oft das Gefühl, dass zwischen dem ganzen Mainstream und dem ach so tollen gemeinsamen Nenner zwischen Helene Fischer, Thermomixer oder Mediamarkt-Angeboten sich viele Leute nach etwas mehr Tiefe und Komplexität sehnen – aber es nicht schaffen, sich das über Musik zu besorgen. Wie siehst du das, als ein Aktivist der das Gegenteil lebt und davon leben muss?

Ich denke, man kann den Mainstream mögen und trotzdem tieferer Gefühle fähig sein kann – das muß sich nicht ausschließen. Und eigentlich war es noch nie so einfach wie heutzutage an Musik zu kommen – man müsste eigentlich nur neugierig sein. Aber das ist vielleicht schon eines der Probleme…

8. Mit Mo’Horizons war Agogo Records um die Jahrtausendwende extrem erfolgreich. Der Mix aus latinesken Klängen und Dancefloor-Sounds machte sogar aus deiner Heimat Hannover den Ort Bosshannova. Wie empfindest du 10-15 Jahre später das Interesse an eurem Sound mit diesem ganz starken Branding?

Das können nur die beiden Kollegen von Mo’Horizons’ wohl besser beantworten. Insgesamt wünsche ich mir natürlich mehr Interesse für alle unseren musikalischen Projekte und da stehen für 2016 auch ein Mo Horizons-Album an.

9. Du bist Clubbetreiber (Calamari Moon). Wie schwierig ist die Gradwanderung zwischen Kulturschaffender und dem überlebenswichtigen Geldverdienen? Es gibt viele Beispiele, die es nicht geschafft haben beides über Jahre hinweg zu vollziehen!

Wir haben großes Glück mit unserer Calamari Moon Suite in der Cumberlandschen Galerie. Der Ort (ein riesiges Treppenhaus, Baujahr 1878) ist sehr besonders, die Verbindung zum Schauspielhaus Hannover und natürlich auch unser Programm scheint den Menschen auch nach 14 Jahren immer noch zu gefallen. Allerdings müssen wir von den Clubabenden auch nicht unseren Lebensunterhalt begleichen und können ziemlich unbeschwert unseren Ansprüchen genügen.

10. Deutschland geht es gut. Die Wirtschaft boomt. Wenige Menschen sind arbeitslos. Das müsste doch auch heißen die Kultur, respektiv: Subkultur, gefördert werden müsste, oder?

Das wäre wirklich sehr begrüßenswert – Doch in der Realität hat die CDU wahrscheinlich zuviel Angst vor den möglicherweise subversiven Aktivitäten der Subkultur bzw. überhaupt kein eigenes Interesse, daran etwas zu ändern. Mittlerweile wäre ich mir aber auch bei den anderen Parteien nicht mehr so sicher. Für Subkultur – Förderung bekommt man einfach keine Mehrheiten zusammen und Gerhard Schröder’s Eier (trotz allem !) hat scheinbar keiner mehr in der Hose.

11. Interessanter- und erfreulicherweise haust du mit deinem Label Agogo Records immer noch Vinyl auf den Markt. Ist der klassische Agogo-Stammkunde ein Schallplattensammler?

Das ist von Release zu Release sehr unterschiedlich, aber in unserem eigenen Shop werden definitiv mehr LPs als CDs bestellt!

12. Bandcamp, Beatport, iTunes, Juno, Amazon…etc. es gibt für kleine Imprints heute viele Möglichkeiten seine Musik digital zu vertreiben! Wie empfindest du das?

Daran kann ich nichts Negatives entdecken. Die neue Wege sind doch gut und besser zugänglich. Nur der geringe Payback bei den Streamingportalen ist schon ein Ärgernis und kann für uns kleinere Labels auch existenzbedrohend werden, sollten die digitalen Verkäufe weiter sinken und spotify etc. immer bedeutender werden – und so wird es wohl kommen. Man müsste einfach nur den Anteil für die Künstler / Labels erheblich erhöhen und die monatliche Fee für das Nutzen eines Streamingportals ebenso. Ich bin mir sicher, dass die meisten Menschen kein Problem damit hätten 5 Euro monatlich mehr zu zahlen, wenn diese Mehrkosten direkt an uns weiter gegeben werden !

13. Es drängen sich auch gerade wieder drei riesige neue Streamingdienste auf den Markt. Musik kann sehr unterschiedlich konsumiert werden. Die CD hält sich noch. Der Download kommt immer mehr. Das Vinyl stirbt nicht und erlebt ein Revival. Die neue Generation will aber scheinbar gar keine Musik mehr besitzen, sondern nur noch eine kurze Zeit konsumieren – wie beim Stream. Spielen solche Gedanken für euch als kleines Label überhaupt eine Rolle wie das alles in Zukunft aussehen könnte? Tangiert euch das?

Natürlich sollten wir uns darüber Gedanken machen und möglichst auf die neuen Begehrlichkeiten reagieren. Viel Geld zu verdienen war aber nie unser Antrieb und solange es sich irgendwie rechnet werden wir weiter Musik veröffentlichen.

14. Spotify wurde kürzlich öffentlich von großen Stars wie Adele verweigert – weil sie keine Wertschätzung für ihre Musik und ihre Arbeit empfindet. Pharell hatte den Überhit „Happy“ und für ein millionfaches Streamen bekam er eine fast schon lächerliche Summe an Geld überwiesen. Da mag man sich gar nicht ausmalen, was ein kleines Imprint mit „Nischenmusik“ überhaupt bekommt!

Der Payback ist für jeden Song derselbe, den Unterschied macht also nur die Anzahl des Streamens. Ich bin für das Streamen, aber die Marge für die Künstler / Labels muß wesentlich erhöht werden. Ansonsten werden sich viele Produktionen nicht mehr rechnen können.

15. Euer Sublabel Resense hat inzwischen absoluten Kultstatus in gewissen DJ- und Sammlerkreisen. Wie wählst du die Stücke aus, die dann als 7inch limitiert veröffentlicht werden?

Das machen wir ganz demokratisch unter uns dreien, den beiden Mo’Horizons’ Ralf Droesemeyer & Mark „Foh“ Wetzler und meiner Wenigkeit. Wir veröffentlichen dann nur die Songs auf die wir uns alle einigen konnten.

16. Alle Welt wartet auf ein neues Mop Mop-Album. Auf was darf man sich im Jahr 2016 bei Agogo Records freuen?

Das neue MOP MOP Album wird „Lunar Love“ heissen und es ist bereits fertig gemischt und gemastert. Es wird etwas elektroinischer und düsterer als „Isle Of Magic“. die ersten Testhörer waren schwer begeistert und wir sind es auch. Am 06. Mai soll es dann kommen… ansonsten haben wir noch ein ganz wundervolles Downbeat/Electronic/Jazz Album von Manuel Volpe & Rhabdomantic Orchestra im Angebot, The Soul Session’s zweiter Longplayer wird gerade fertig gestellt, Renegades Of Jazz hat auch schon ein neues Album produziert (dieses Mal ein ganz famoses Afrofunk – Werk). Außerdem haben wir zwei neue Künstler namens Linear John und Seraleez unter Vertrag genommen, und gerüchterweise sollen Mo’Horizons auch sehr fleissig im Studio sein.

17. Ihr habt eine Labelnacht im Calamari Moon. Ihr spielt dort monatlich Funk, Soul, Afro, Latin und mehr. Ihr habt auch kontinuierlich dort hochwertige Gäste wie Rainer Trüby, Soulpatrol, Quantic oder Nickodemus. Wie wichtig ist euch die DJ-Kultur? Legt ihr selbst noch viel auf?

Ralf Droesemeyer ist noch viel unterwegs als Dj & mit dem Mo’Horizons Soundsystem – außerdem ist er der Gastgeber unserer monatlichen Label – Party in der Calamari Moon Suite. Meine Wenigkeit hat mit dem auflegen vor etwa drei Jahren aufgehört, ich bin aber natürlich als Betreiber von Calamari Moon der Dj – Kultur noch sehr verbunden.

Text: Peter Parker


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