Interview

INTERVIEW: THE MIGHTY MOCAMBOS

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Für Funk-Aficionados sind The Mighty Mocambos längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Etliche Konzerte und eine ganze Reihe von Releases auf dem Kerbholz, veröffentlicht die Hamburger Band dieser Tage auf dem Label Légère Records ihr nunmehr drittes Album. „Showdown“ ist es betitelt und bietet nicht nur allerfeinste Funk-Musik. Die Nordlichter gehören inzwischen du den besten Funkkapellen dieses Planeten und unterstreichen mit ihrem neuen Werk eine alte These: HipHop und rougher Funk gehören zusammen wie die Elbe und die Hansestadt. Gitarist Björn Wagner stellte sich unseren Fragen:

1. Seit 2006 veröffentlicht ihr Musik unter dem Namen Mighty Mocambos. Wie habt ihr als Band zusammengefunden?

Wir kommen aus demselben Viertel in Hamburg und kennen uns seit Schulzeiten. Als Funkliebhaber hat man sich da schnell gefunden. Als „Mocambo“ haben wir dann Sessions und Konzerte gemacht, bis wir unser eigenes Label gegründet haben. Dann haben wir der Band einfach einen anderen Namen gegeben, oder vielmehr war es ein Gag unseres Freundes Piitu aus Finnland, der unsere erste Single mit Gizelle Smith rausgebracht hat. Er hat einfach The Mighty Mocambos aufs Label geschrieben. Wir dachten das wäre allenfalls ein einmaliges Pseudonym, aber auf einmal sprachen alle von den „Mightys“.

2. Afrika Bambaataa, Lee Fields, Kenny Dope – die Liste der Szenegrößen, mit den ihr schon kooperiert habt ist imponierend. Dazu habt ihr Zusammenarbeiten mit Talenten wie Gizelle Smith oder Caroline Lacaze veröffentlicht. Ein ständiger Austausch mit anderen Künstlern scheint der Nährboden eurer Musik zu sein!

Das ist richtig. Mocambo hatte immer einen offenen Charakter. Schon ganz früher hatten wir wechselnde Gäste auf der Bühne. Das hält alles spannend und bereichert das Spektrum. Wir adaptieren unseren Sound und die Kompositionen je nach dem, mit wem wir zusammenarbeiten. Das lässt uns musikalisch immer einen Schritt weitergehen, als wenn wir nur auf uns Rücksicht nehmen müssten. Wir lieben die Mischung aus eigenen Instrumentals, in denen die Band der Star ist und Songs, in denen wir uns als Backing Band in den Dienst von jemand anderem stellen.

3. Funk & Soul-DJs weltweit sind glücklich, weil ihr eure Musik auch auf Vinyl, speziell als 45s veröffentlicht. Gehört das Kulturgut Vinyl für euch unweigerlich zu dieser Musik dazu?

Ja, absolut. Mit Vinyl fing alles an. Weniger aus dogmatischen Gründen, sondern weil man unentdeckten Funk früher gar nicht anders bekommen hat. Zum DJ’en war außer Vinyl sowieso nichts möglich. So wollten wir unsere eigene Musik natürlich auch auf diesem Format sehen. Ich glaube man merkt bei unseren Releases, dass wir sehr viel Liebe in die Schallplattenherstellung reinstecken, da es uns und vielen Funkliebhabern genau so gefällt. Auch wenn wir alle dezidierte Vinyl-Fans sind, sage ich immer gerne, dass die Musik im Mittelpunkt stehen sollte, hauptsache man weiß das Album als ganzes zu wertschätzen und im besten Fall auch zu bezahlen. Vinyl ist einfacher am schwierigsten zu zocken, daher immer noch unser Lieblingsmedium.

4. Wie viel Einfluss hatten die „Pioniere“ Poets of Rhythm auf euch? Was war der Antrieb deepe Funk Music zu machen?

Ich fand das immer witzig, dass die Poets so viel unter Pseudonymen veröffentlicht haben, und irgendwelche 45s ohne Vertrieb unter die Leute gebracht haben. Musikalisch habe ich bis heute zu wenig von Ihnen gehört, um es einen großen Einfluss nennen zu können. Das waren eher Bands und Singles aus den 60ern und 70ern, bekannt bis obskur, und dann neue Bands wie die Delta Rhythm Section, Sound Stylistics (die wir dann auch auf Mocamvo Records veröffentlicht haben) oder die Soul Investigators, die den dreckigen Sound von alten 45s mit Hammer-Songs in einen neuen Kontext gebracht haben.

5. Kenny Dope hat euch sehr gepusht als ihr unter einem Pseudonym ein Deep Funk-Version von „The Message“ (Grandmaster Flash) veröffentlichtet habt. Wie wichtig sind solche Geschmacksmultiplikatoren wie Kenny Dope, Gilles Peterson oder Craig Charles?

Dass Kenny ‘The Next Message’ und dann auch gleich ‘Working Woman’ mit Gizelle Smith ge-remixed hat, war natürlich ein großes Hallo! Mehr noch als der PR-Push, den Du ansprichst, war es für uns selbst eine große Anerkennung, und hat uns sicherlich bestätigt, dass wir irgendwas richtig machen. Auch der Einfluss von Gilles oder Craig ist unbestritten, aber in erster Linie freuen wir uns, dass diese Leute als Funk-Heads unsere Musik abfeiern.

6. Ihr habt euch in den letzten Jahren ein starkes Soundbranding zugelegt. Wie wichtig ist für euch der Wiedererkennungswert?

Klar, jeder möchte ein Alleinstellungsmerkmal haben. Wir legen viel Wert darauf, dass unser Sound auf irgendeine Art original ist. Sound ist wichtig, hilft aber auch nicht über mittelmäßige Songs hinweg. Es bringt wenig, wenn Bands ihre Aufnahmen schnell noch mal über ein Band laufen lassen, damit es schmutziger klingt und besser zum Thema ‘vintage funk’ passt. Wir versuchen, unseren natürlichen Klang so gut wie möglich einzufangen, und da spielt Taperecording ein große Rolle. Anfangen tut es allerdings beim Spielen selber, das ist schon mehr als die halbe Miete. Mit den richtigen Mikros, Tonband, Mix und Mastering gehen wir diesen Weg bis zum Ende, so dass es genauso klingt, wie wir uns das vorstellen. Es ist es uns wichtig, dass es nicht nur rough klingt, sondern auch den nötigen Punch mitbringt.

7. Wo kann man euch in den nächsten Monaten live on stage sehen?

Unser Tourstart ist in Paris, im Bataclan, dann die deutsche Release Party im Hamburger Mojo Club. Dann folgt Ende April eine kleine Tour durch England, mit der offiziellen Album Launch Party im Londoner 100 Club, dazwischen deutsche Städte, und im Juni geht es für einige Konzerte nach Frankreich. Den aktuellen Tourplan findet ihr hier: http://www.mightymocambos.com/tourdates/

8. Welche Ziele habt ihr noch als Band?

Es gibt noch einige Flecken auf der Landkarte, die wir noch nicht live bespielt haben. Konzerte in immer neuen Orten zu geben ist eine große Motivation. Ansonsten wollen wir weiter originelle Musik aufnehmen, kreativ vorangehen und den die Grenzen des Funk weiter austesten. Wenn es jetzt etwas träumerischer sein soll, dann würde ich sagen: ein Konzert in New York zu spielen.

9. Wie groß schätzt ihr den Einfluss des New Yorker Daptone-Labels auf die ganze Renaissance des authentischen Funk und Soulsounds ein?

Sehr groß. Sie sind zwar bei weitem nicht die einzigen, aber sie haben es auf mit diesem Vintage-DIY-Sound auf ein ganz anderes Level gebracht: zur Begleitband eines Multi-Platin-Albums wie bei Amy Winehouse, zu einem funktionierenden Indie-Label-Business bis in die Late-Night-Shows und großem Feature im Rolling Stone. Daptone hat nicht nur mit seinem Garagen-Sound den smoothen, sterilen Funk verdrängt, sondern diesen Gegenentwurf gekonnt verfeinert. Das hat die Tür aufgemacht für viele Gruppen, die auch eher auf einen einfachen, roughen Sound bauen. Auf einmal waren es nicht mehr nur Funk 45 Experten die auf diesen Sound feiern.

10. Auf eurem neuen Album verwunderte mich das Feature Donald D (Mitglied im Rhyme Syndicate von Ice-T in den beginnenden 1990ern). Wo habt ihr denn den ausgegraben?

Donald ist hin und wieder mit Afrika Bambaataa auf Tour. Wir haben bei dieser Gelegenheit in Hamburg kennengelernt. Was viele nicht auf dem Zettel haben, ist dass sowohl Donald D als auch Charlie Funk (Afrika Islam) vor ihrer Zeit mit Ice-T schon etliche Jahre in den Anfängen des HipHop in der Bronx aktiv waren und ursprünglich aus dem Umfeld der Zulu Nation kommen. Ein interessanter Kreis, der sich da schließt. Donald ist für mich einer der ganz großen MCs.

11. Ein weiterer Gast ist der Künstler Shawn Lee. Plattensammler kennen ihn für seine unglaublich vielfältigen Veröffentlichungen auf Ubiquity Records. Auch Lee beschäftigte sich schon einige Male mit der Materie Funk. Wie seit ihr auf Lee aufmerksam geworden?

Unser Posaunist Ben Greenslade-Stanton kennt Shawn gut. Er hat öfter für ihn Bläser arrangiert und eingespielt, so zum Beispiel auch auf der Brothers Nylon Single, die wir auf Mocambo veröffentlicht haben. Horns sind so ziemlich das einzige, was Shawn nicht spielen kann. Wenn Du Shawns Studio in London siehst, denkst Du, Du bist in einem Instrumenten-Museum. Nur dass er all das verrückte Zeug auch ständig einsetzt. Ein echtes Ein-Mann-Orchester. So hat sich Shawn bei Ben für die Bläser-Takes mit exotischen Saiten-Instrumenten revanchiert. Wir haben für ihn den Titel Catfight ausgesucht, da der genau den Freiraum für ungewöhnliche, cinematische Sounds gab, die wir auf Shawns Platten so mögen.

12. Ist man als Funkmusiker auch Funkmusik-Sammler? So richtig mit Crates Diggin‘ auf Flohmärkten und Recordshops!?

Ich kann da nur für mich selber sprechen, aber ja! Auch wenn es heute die entlegensten Tunes auch auf youtube zu hören gibt, die besten Sachen finde ich immer noch auf Platte, sei es die Zeitungsbeilagen-Flexidisc mit Musik für Aerobic-Übungen auf dem Flohmarkt, die obskure Funk-Scheibe in fernen Ländern im Plattenladen oder den Mörder-Break in Library-Archiven. Ich finde nur den Begriff ‘Sammler’ schwierig; ich benutze die Platten, die ich finde, und ich habe nicht den Anspruch eine Sammlung zu vervollständigen.

13. Wenn ihr auf einer Party auflegen müsstet, welche Songs würden auf alle Fälle laufen müssen?

Wenn ich bei einer Party auflege, achte ich immer darauf, dass neben einigen unverzichtbaren Klassikern auch weniger bekannte Titel laufen. Nicht der Obskurität wegen, aber ich finde, ein guter DJ sollte seinem Publikum etwas neues, ungehörtes bringen. Das hat mich immer inspiriert, wenn ich nach einer Clubnacht nach Hause komme, und viel gute, nie gehörte Musik im Kopf hatte.

14. Was haltet ihr von dem Hype um „Uptown Funk“ von Mark Ronson?

Teils gerechtfertigt. Ronson ist ein gewiefter Produzent, Bruno Mars gewissermaßen der Michael Jackson der Stunde, und es zeigt wie fresh über 30 Jahre alter Funk heute noch ist. Für Kids, die die frühen 80er Sachen nie gehört haben, ist das eine tolle Sache. Das Problem dabei ist, dass es sich bei diesen Produktionen immer um eine Art Soundalike handelt. Gekonnt gemacht, und an der richtigen Stelle verändert, so dass es kein Plagiat ist. Ich habe mir ‘Uptown Funk’ nicht gekauft, da ich dutzende von Platten habe, die ähnlich sind, mir aber persönlich besser gefallen. Da würde ich dann lieber Thriller, Sugarhill, Zapp oder Gap Band auflegen.

15. Seid ihr live oder auf Platte besser?

Das sagst Du mir lieber… Auf Platte haben wir unseren Sound mit Hall und Bandmaschine, so gemixt, wie wir es mögen, aber die Energie und Erfahrung eines Live-Konzerts ist eigentlich nicht zu schlagen.

16. Warum ist „Showdown“ das wichtigste Funkalbum des Jahres?

Weil es bis jetzt das beste ist (lacht) …es ist ja noch früh im Jahr, und ich wünsche mir eigentlich, dass es jemand toppen wird. Im Ernst: ich möchte uns selbst nicht zu wichtig nehmen. Wir wollen nur zeigen, dass Funk in 2015 immer noch fresh und relevant sein kann. Die Einladung zum Showdown ist also raus – ich würde mich freuen, wenn jemand sie annimmt und mit was krasserem um die Ecke kommt.

Text & Interview: Phonk Ribery


 


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