Interview

INTERVIEW: TORSUN x RAVEN WEGEN DEUTSCHLAND

Torsun-Raven-wegen-Deutschland

2011 veröffentlichte Torsun Burkhardt, Sänger und Frontmann der Band EGOTRONIC sein Buch „Raven wegen Deutschland“, welches am 23.10 nun auch als Hörbuch erhältlich sein wird, gelesen von Torsun höchst selbst – „Ein junger Raver, der Nächte, ja, ganze Wochenenden im überdrehten Berlin der Jahrtausendwende durchfeiert, Drogen vertickt, Gesetze übertritt, das Sitzraven propagiert, Pferdebetäubungsmittel probiert – und zwischendurch sogar heftig in love ist. Ein einziger Trip, der aber auch hinter die Kulissen dieser hedonistischen Szene zu blicken vermag.“ (Linus Volkmann)

In Hamburg traf ich mich mit dem 41-Jährigen und redete mit ihm über die Entstehung des Buches, wie es für ihn war ein Hörbuch aufzunehmen, über Rheuma, Drogenkonsum, Flüchtlingshilfen und die Zukunft von EGOTRONIC.

Ganz harmlos die erste Frage: wie war es eigentlich überhaupt für dich ein Hörbuch zu machen?

Torsun: Es hat Spaß gemacht wie Sau. Ich lese ja selber total gerne und da ich eine Tochter habe, der ich auch immer viel vorgelesen hab, hat sich das halt einfach angeboten. Letztes Jahr im Sommer dachte ich mir dann einfach: Warum denn nicht? Ich hab zu dem Zeitpunkt auch grade jemanden kennengelernt, der ein Tonstudio hatte und wir sind super miteinander ausgekommen.

War das nicht ein bisschen komisch für dich, dich jetzt auf einmal mehrere Stunden am Stück sprechen zu hören? So ganz ohne Musik?

Es war auf jeden Fall anstrengender als gedacht. Irgendwann merkt man dann doch, dass die Konzentration nachlässt, man verliest sich dann ja auch immer öfter wenn man laut vorliest, aber es war auf jeden Fall voll geil!

Was hat dich denn überhaupt dazu bewogen das zu machen? Das Buch ist ja schon seit ein paar Jahren draußen.

Ehrlich gesagt… Es war eine absolute Notwehrsituation. Ich hab ja Rheuma und damals war das so stark, dass ich keine Musik mehr machen konnte. Jeden Tag Schmerzen und alles, da hab ich einfach was gebraucht um mir zu beweisen, dass ich noch am Leben bin, dass ich noch was machen kann außer die ganze Zeit nur Schmerzen zu haben. Und Lesen ging eben. Es war schon ein gewisser Akt der Emanzipation von dem scheiß Schmerz einfach… Ich hab mir dann ein Tonstudio gemietet und losgelegt, das hat ungemein geholfen. Eigentlich ist das Hörbuch aus ner total nervigen Situation heraus entstanden, aber dann hat es auch einfach unheimlich geil viel Spaß gemacht.

Wie geht’s dir denn jetzt?

Im Moment ist grade schon wieder so ein bisschen ein Schub, das merk ich immer daran, dass ich so viel Cortison nehmen muss, dann quell ich immer auf, kriege einen kleinen Bauch… Wenn ich das dann weg lasse wird es wieder normal, aber ich kann jetzt auf jeden Fall besser damit umgehen. Ich mach trotzdem gerade Musik. Damals hat mich das halt auch einfach psychisch ziemlich gefickt, jetzt geht es aber und ist nicht mehr so schlimm.
Man kann ja eh nichts daran ändern. Wenn es wenigstens so wäre, dass ich daran selbst Schuld wäre… Klar, ich hab nie gesund gelebt aber das ist eine Autoimmun Erkrankung, das hat damit ja nichts zu tun. Das heißt also, damit haben meine Drogeneskapaden nichts zu tun sondern das passiert halt so und es nervt. Ich glaube, das einzige Ding ist halt, dass es nervt. Aber ich bin hier, ich hab Bock, ich trinke Wein, also alles gut.

Wie bist du überhaupt auf den Titel „Raven wegen Deutschland“ gekommen? Es gibt ja auch ein Lied von EGOTRONIC „Raven gegen Deutschland“ – warum die Änderung?

Das muss 2010 gewesen sein, da haben wir in Münster gespielt im Skaters Palace und da haben ganz viele Leute „Raven wegen Deutschland“ gesungen. Die haben das einfach nicht anders verstanden. Ich fand das irre lustig und hab dann halt einfach das Buch so genannt. Viele dachten ja, das ist jetzt wieder ein positiver Bezug zu Deutschland, aber das ist es nicht. Im Prinzip könnte der Song wirklich „Raven wegen Deutschland“ heißen, weil die Zustände einfach so scheiße sind, dass man dann halt sagt: Okay, dann geh ich jetzt lieber ne Runde Raven. Von daher passt das auch so.

Kannst du nochmal kurz zusammenfassen, worum es im Hörbuch geht?

Es spielt alles im Jahr 2007. Im Winter 2007 wurde EGOTRONIC so erfolgreich, dass es seitdem mein Hauptberuf ist und es geht eben darum, wie es genau dazu kam.
Es war klar, ich sollte diese Platte machen (Anm. d. Red.: Zweites Studioalbum: „Lustprinzip“) und die soll im Herbst 2007 rauskommen. Ich war zu dem Zeitpunkt halt so drauf, dass ich mich nur berauschen wollte, so viele Drogen nehmen, wie in meinen Körper reinpassen und so wenig schlafen wie nur irgendwie machbar war. Und darum dreht es sich eben in meinem Buch. Und am Ende kam dann halt das Album, es wurde alles gut und EGOTRONIC erfolgreich. Es war auf jeden Fall ein fantastisches Jahr!

Ist es denn tatsächlich zu 100% autobiografisch?

Die Geschichten sind alle wahr, die Timeline stimmt nur manchmal nicht so ganz. Wir waren halt alle berauscht, von daher weiß man nicht mehr so ganz genau, wann jetzt wirklich was war. Das Lustige ist ja: ich hab meinen Blog und da kann man ganz vieles noch nachlesen, was damals so war. Die Geschichten sind also tatsächlich so passiert.

Hat sich deine Einstellung zum Drogenkonsum denn im Laufe der Jahre geändert?

Ich nehme einfach nicht mehr so viele. Irgendwann hat es so ein bisschen an Reiz verloren. Wenn du auf der tausendsten Afterhour warst, dann wird es irgendwann einfach langweilig und dann verliert man die Lust daran.
Wo allerdings tatsächlich ein Bruch stattgefunden hat, war dann als ich mitbekommen habe, wie viele neue Drogen es gibt. Ich hab letztens in einem Zeitungsartikel gelesen, dass es allein in den letzten vier Jahren 450 neue Drogen gegeben hat. In der Zeit wo das Buch spielt, hätte ich ganz klar gesagt: Challenge accepted! Aber jetzt denke ich so: Gut gibt es, aber muss ich jetzt nicht alles probieren.
Damals hätte ich das sofort gemacht. Irgendwas Neues auf dem Markt, dann musste ich das probieren. Weil selbst wenn ich irgendwelche Drogen ablehne, muss ich sie davor selbst genommen haben, um das beurteilen zu können. Ich meine gerade so die Verbotsfraktion: die haben ja in der Regel gar keine Ahnung, wie Drogen funktionieren und was sie machen und dann wird halt Müll gelabert. Es heißt ja auch immer: du nimmst einmal Heroin, du bist süchtig – völliger Quatsch. Das stimmt so alles ja gar nicht. Ich glaube, dass man eigentlich in einer viel aufgeklärteren Gesellschaft leben sollte und über Drogen mal WIRKLICH aufklären sollte und die Sachen halt auch mal alle legalisieren sollte. Ich bin der festen Überzeugung, dass es dann weniger Junkies oder andere Leute, die abkacken, geben würde. Auch fällt bei einer Legalisierung ja dann die ganze Beschaffungskriminalität weg und so.
Also von daher: die Zeit ist so ein bisschen vorbei. Ich nehme jetzt immer noch Drogen ab und zu aber das hat mit meinem damaligen Konsum nichts mehr zu tun.

Apropos Legalisierung: du gehst mit deinem Konsum ja sehr offen um. Auch mit der Musik von EGOTRONIC feierst du den Drogenkonsum ja schon regelrecht ab. Hat da nicht mal irgendwann die Polizei geklingelt?

Ähm nein. Ich hatte ganz viele Verfahren am Arsch und wirklich viele Anzeigen, aber Drogen waren nie dabei. Landfriedensbruch oder das letzte Mal gefährliche Körperverletzung als Nazis auf‘s Maul bekommen haben, womit ich aber nichts zu tun hatte. Aber wegen irgendwelcher Drogen witziger Weise nie. Was vermutlich auch daher rührt, dass die Bullen damals einfach noch nicht solche Tests hatten. Als ich in Hessen gewohnt hab, war ich ja auch ständig auf Drogen mit dem Auto unterwegs, wurde aber halt nie kontrolliert. Als die Bullen die Tests dann hatten, hab ich schon in Berlin gewohnt und da läuft man dann halt zu Fuß, da muss man kein Auto fahren.

Wen hoffst du überhaupt mit deinem Hörbuch zu erreichen? Was ist so die Zielgruppe, die du dir vorstellst?

Ich glaube, dass das ganz vielen Leuten Spaß machen könnte. Ich hab es ja auch schon einigen Leute vorgespielt und die hatten einfach einen heiden Spaß dran. Wenn man wissen will wie es in den 2000er in Berlin in der Techerszene war, dann muss man das Buch lesen und jetzt kann man es eben auch hören und sich berieseln lassen.
Es spiegelt schon eine gewisse Zeit in Berlin wieder, mit den ganzen Clubs und eben auch mit den Drogen. Jeder, der sich dafür halt interessiert, wird seine Freude daran haben. Mir war es auch damals beim Schreiben wichtig, dass es nicht nur für EGOTRONIC Fans gemacht ist. Klar geht es auch um meine Band, aber man muss die Band nicht kennen, die Musik nicht mögen oder so, sondern man kann sich auch einfach für die Clubs in Berlin interessieren.

Es bietet auf jeden Fall viel Spielraum, um sich selbst irgendwo wieder zu finden…

Ja eben. Es gibt doch genügend Leute, die die gleiche Scheiße schon durchexorziert haben – in jeder Stadt irgendwie und ich hab’s halt mal aufgeschrieben. Das ist auch nichts Besonderes finde ich, einfach weil ich weiß dass es so viele Menschen gibt, die genau das Gleiche schon erlebt haben.

Im Buch selbst sind einige Interviews vorhanden. Diese hast du auf dem Hörbuch weggelassen – gab’s dafür einen bestimmten Grund?

Ja, das war eine rein logistische Angelegenheit. Es ging schon auch darum, dass wir das Hörbuch ganz genau wie eine Geschichte machen wollten, also quasi der Romanteil, bzw. der Erzählteil. Wir kommunizieren das ja auch so, dass es im Buch selbst nochmal ein bisschen mehr gibt, aber wir wollten es tatsächlich so einfach wie möglich erzählen und dann versuch eben mal all die Leute ins Studio zu bekommen, damit man das machen kann. So konnte ich es einfach komplett alleine machen und es ist eine gute Geschichte geworden. Natürlich nicht so umfangreich wie das Buch, aber es ist geil und ich freue mich unglaublich drauf, dass es jetzt endlich raus kommt!

Kriegst du denn dann auch mal zu hören: „Hey, voll geil dass du jetzt endlich mal den Mund aufmachst und es so wiedergibst wie es wirklich ist.“?

Als das Buch erschienen ist, kamen tatsächlich viele solcher Reaktionen. Leute, die gesagt haben „Ey voll geil, ich finde mich da total wieder und es ist super ehrlich.“ aber dann auch welche die so meinten „Hey, ist scheiße.“ – das gab’s natürlich auch. Aber es wäre auch schade, wenn es nicht so wäre. Erfreut mich natürlich, wenn ich merke dass es bei den Leuten auch so ankommt.
Was halt so ein Ding ist, ist das viele dann auch denken ich muss immer so sein oder immer noch so sein und mich dann anschreiben, um nur mit mir zu feiern, wo ich dann halt meistens absage, weil ich doch kein Bock hab. Es hat natürlich dazu beigetragen, dass ich noch eine größere Projektionsfläche geworden bin und die Leute dann halt schnell sagen: „Der ist so und so.“, was meistens gar nicht stimmt, aber egal. Es war ne geile Zeit! Und die Leute, die das miterlebt haben und das Buch haben feiern es auch ab, einfach weil man reinschauen kann und sagen kann: Ja, es war einfach geil, das war eine schöne Zeit! Es ist wie eine Art Tagebuch und jetzt kann man es auch hören. Und es ist unterhaltsam!

Das hört sich alles auf jeden Fall so an, als würdest du nicht ausschließen so etwas nochmal zu machen?

Auf gar keinen Fall! Ich schreibe gerade tatsächlich wieder ein Buch, das wird ein Roman. Ich würde den gerne dieses Jahr noch fertig bekommen, sodass er nächstes Jahr veröffentlicht werden kann, aber ich mach mir damit keinen Stress. Ich mach das gerade einfach weil ich Bock drauf hab. Diesen Roman würde ich dann auch gerne einlesen, einfach auch weil ich ein totaler Hörbuchmensch bin. Bevor ich Filme schaue, höre ich mir manchmal lieber noch ein Hörbuch an. Eigentlich voll der Nerdscheiß (lacht).

Nerdsein ist immer geil! Wenn man so was nicht kennt, fehlt echt irgendwas im Leben.

Ja, auf jeden Fall! Ich höre die Walter Moers Bücher rauf und runter. Ich finde das einfach geil. Ich will auch irgendwann mal ein Hörspiel machen, so mit verschiedenen Rollen und allem. Ich hab einfach so viel Bock auf so viel verschiedenen Scheiß!

Kommen wir noch ein bisschen zu EGOTRONIC: Was steht bei deiner Band jetzt dann an?

Nächstes Jahr ist erst mal Pause. Ich will jetzt mal was anderes machen. Ich würde gerne nächstes Jahr in der Flüchtlingshilfe arbeiten und hab mich da auch beworben. Ich hab in Berlin mit ein paar Leuten eine Gruppe gegründet, mit der wir versuchen über ein paar Clubs in Berlin Geld zu sammeln. Das Konzept sieht ungefähr so aus: Wir nennen uns PLUS 1 und machen eine Infrastruktur für die Clubs in Berlin, dass alle die dort auf der Gästeliste stehen, mindestens einen Euro bezahlen. Wir stellen die Kassen hin und holen diese auch wieder ab und das Geld geht eben an alle wichtigen Institutionen, die etwas mit der Flüchtlingshilfe zu tun haben. Wir haben schon richtig viele Clubs, die da mitmachen, können also auch echt gut Geld damit machen und diese ganzen Initiativen werden wöchentlich mit diesem Geld versorgt.
Für EGOTRONIC heißt das also echt erst mal nächstes Jahr Pause – keine Konzerte, auch keine Interviews, vielleicht dann ein neues Album machen und damit übernächstes Jahr rausgehen, aber ich verschwinde musikalisch nächstes Jahr erst mal von der Bildfläche.

Das hört sich auf jeden Fall nach guten Plänen an, ich wünsche dir dafür auf jeden Fall alles Gute!

Danke. Ja, ich bin jetzt 41, ich hab noch alle Zeit der Welt so viel Scheiß zu machen, worauf ich jetzt einfach Bock hab. Den Narzissmus hab ich in den letzten Jahren mehr als genug ausgelebt, so mit sich selbst ins Rampenlicht stellen und allem. Jetzt ist es auch mal an der Zeit was Anderes zu machen.

Das Interview führte Melina Linder


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