Kanye West ist wohl das bekannteste Beispiel dafür, dass zwischen Gucci-Pop und Backpack-Ästhetik die Grenzen oft und immer mehr fließend sind. Oder wie Dilated People es einmal als „the gift & the curse“ sehr treffend umschrieben haben. Das Schubladendenken wird zu oft, zu vielem nicht gerecht und katapultiert oft Leute in eine Ecke, aus der sie nicht mehr rauskommen bzw. versorgen Künstler mit einem Image, das manchen gut steht – aber eben auf das ein Merkmal reduziert. Little Brother und Talib Kweli muss man hier sofort nennen. Kweli wurde oft negativ mit dem für viele abwertenden Begriff „Student Rap“ behaftet. Wie man in einigen Interviews schon hören und lesen konnte nervt ihn das gewaltig. Jedoch weiß er ganz genau, dass dieses Image auch eine bestimmt Basis pflegt. Eine sehr starke Basis.
In der Tat hat das College und seine Radios einen berüchtigten und oft unterschätzten Einfluss auf die Szene. Hier werden lokale Phänomene sowie Underground-Strömungen aufgeschnappt, supportet und groß gemacht. Amerika’s Rap hat seine Nische gefunden. Auf der Plattform College-Radio findet HipHop in einer natürlichen Art statt. In einer Form, welche sich nicht nach Chartspotential richtet. Freshness und Skillz zählen hier. Der Inhalt muss stimmig sein und der
Rap innovativ. Hier reduziert wohl so schnell niemand eine schöne Idee nur auf eine Plattitüde zwischen Sex und Gewalt. Man erkennt und schätzt die reichhaltige Breite bzw. das Talent dahinter oder akzeptiert es eben erst garnicht. Der vermeidliche, amerikanische Intellektuelle hat einen konkreten Anspruch an Beats, Inhalt und Talent. Ein Denken, welches der breiten Öffentlichkeit scheinbar verloren gegangen ist. Würde man sonst die stagnierende Kreativität im Dominanzkosmos der „Black Music Radios“ akzeptieren und die Gleichschaltung der Beats mit Nichtbeachtung und Nichtkonsum bestrafen?!
Wächst an den Collegeradiostationen das rettende Ufer des absaufenden US-Rap in den Mainstream? Der Movement läuft zumindest schon sehr lange. Prominente Beispiele gibt es en Masse. Little Brother, 9th Wonder, Jurrasic Five, Atmosphere, Talib Kweli, People under the Stairs, Zion I, Lupe Fiasco, Wordsworth, Murs, Dilated people, Del oder Mos Def – Sie alle kommen von den verschiedensten Ecken des riesigen Landes – sind jedoch vereint durch eine bedingungslose Zuneigung und Unterstützung des studentischen Volkes. Man fordert hier die Vielfältigkeit. Eine absolute Ausnahmestellung. All diese Acts haben einen charismatischen und kreativen Output mit einer besonderen Linie und Niveau – musikalisch sowie geistig. Das von vielen alt gedienten HipHop-Stars oft kritisierte mangelnde Bewusstsein über die Raphistory und ihre Helden wird hier geradezu zelebriert. Hier ehrt und feiert man die Wurzeln der Kultur noch kräftig. Oder kennt jemand sonst noch Radiostationen bei denen Rakim, Kool G Rap oder Dilla auf der Pole Position der aktuellen Hitlist landen?
Aus dem Norden Amerikas, genauer Minnesota, stammt das Projekt KANSER. Das dynamische Duo ist ein Prototyp der Rapmusik, der an Colleges abgefeiert wird. Definitiv haben diese Jungs ihre Nische gefunden um unabhängig und frei ihre Musik entwickeln zu können. Der Einfluss des oft nicht so starrsinnigen, kanadischen HipHop fand hier genauso seinen fruchtbaren Boden wie eine gesunde und kritische Distanz zu den Mechanismen des Mainstream HipHop in den Staaten. Sowie die Kollegen von Atmosphere gehören Kanser schon zu den alten Recken des Independent Rap. Inzwischen veröffentlichen sie dieser Tage ihr siebtes (!) Album in zehn Jahren und stehen wie kein anderer Act im Moment für ein Umdenken, welches von den Colleges landesweit geleitet und angekurbelt wird. Ein Interview über den augenblicklichen State of the Art, politisches Bewusstsein, Obama & Veränderung.
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Stellt Euch doch mal kurz für all diejenigen vor, die Euch noch nicht kennen:
Wir sind das Rap-Team KANSER aus Minnesota/USA. Bestehend aus Harry aka Unicus und
Zchariah aka New MC.
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Ihr kommt aus dem nördlichen Teil der USA. Der Norden ist nicht gerade populär für HipHop.
Ist diese Nische genau das Richtige um unabhängig und frei sich entwickeln zu können?Man denkt zumindest so über uns hier oben. Aber das ist ok. Es ist unser Weg und
Independent ist auch unsere Auffassung von HipHop. Das ist der Ort, die Zeit und der Raum in
dem wir auch wirklich gut sind und wahrgenommen werden.
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In Vancouver & Toronto entstehen die meisten kanadischen HipHop-Produktionen. Auch
wenn das sehr weit noch von Euch entfernt ist, beeinflusst euch der teilweise sehr open-minded HipHop wie Kardinal Offishall oder K-OS von dort?Ich denke nicht so sehr, aber ich mag deren offene Art wie sie mit HipHop umgehen. Wir
spielen jedoch oft Konzerte dort, eben auch weil wir nahe an der Grenze zu Kanada leben.
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Eure neues Album “Future Retro Legacy” wird als “the 13-track collection goes back to the
future, with loads of ’70s R&B/soul flavor and a little hippie charm” beschrieben. In der Tat
hört es sich sehr soulful und relaxt an und erinnert mit diesem positiven Grundton ein
bisschen an Common & Little Brother. War das euer Ziel, das zu erreichen?
Das war, seit wir Musik machen, immer unser Ziel und ist es bis heute. Musikalisch sind wir
etwas von der Old School beeinträchtigt. Der Faktor „Soulful & laid back“ darf da nicht
fehlen. Wir wollen auch eine echte Alternative zu den ganzen Mixtapes bieten, die mit
Clubbeats voll gepumpt sind.
Wir haben auch keine Angst davor, dass uns die Leute unter „Hippy“ einordnen.
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Aber Mitte der 90er steckte man die Gruppe Arrested Development auch in die Schublade
des HipHop mit Hippie-Attitüde. Nicht das Schlechteste, oder?Du hast voll kommen Recht. „Mr.Wendel“ und „Tennessee“ wird heute noch hart abgefeiert.
Uns bezeichnen die Leute wirklich respektvoll als “Inner city hippy rappers”. Wir sind cool
damit. Man versteht unseren Lifestyle und unsere Botschaft von friedvollem Miteinander &
Rocken.
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Songs wie “Life Symphony” oder „Legacy“ zeigen eine ganz persönliche Seite und Euer
Talent für Storytelling. Wie wichtig ist Euch das?Das Erzählen seiner eigenen Geschichte ist ein essentieller Teil dieser Kultur. Wir sind
überzeugt davon, dass genau das nicht verloren gehen darf. Nur Battle-Rhymes will doch
heute keiner mehr hören.
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Gibt es Eurer Meinung nach den typischen Collage-Rap? Ich habe gehört, Kanser wird gerade
durch die College-Heads gefeiert und dort viel im Radio gespielt. Fühlt ihr euch dort
besonders wohl und ein Teil davon?
Gerade diese Woche spielen wir gleich drei Shows an verschiedenen Colleges. Die meisten College Kids flippen gut aus auf unsere Musik. Sie haben einen konkreten Anspruch an HipHop. Sie stehen für politischen Umschwung und lebhaften Underground. Diese Energie merkt man vor allem bei den Konzerten und bedeutet für uns ein schönes Feedback. Wir haben inzwischen eine gute Fan-Base dort und kommen immer wieder gerne dort hin.
- Was sind Eure größten musikalischen Einflüsse?
Unsere Einflüsse wechseln irgendwie täglich. Im Moment hören wir gerade vermehrt so Sachen wie Jack Johnson und Mike Douty. Im augenblicklichen HipHop finde ich vor allem Andre3000 von Outkast am Krassesten. Dieser Typ ist so begnadet talentiert und revolutionär. Ansonsten begeistern uns nach wie vor die Native Tongues Ära und deren Ausläufer. Wir lieben De La Soul. Wenn es um Produktionen geht muss ich definitiv ANT (Atmosphere Produzent) nennen. Er hat mich enorm beeinflusst und es bewegt mich heute noch mit Allem was er macht. Wir sind mit ihm verwurzelt. Gedanklich und musikalisch, weil er unser allererstes Album gebastelt hat.
- Ihr habt schon sieben Alben aufgenommen und habt eine große Fanbase in den USA. Eine enorme Leistung für einen Independent-Act – Und doch seid ihr für eine breite Öffentlichkeit sehr unbekannt. Ihr steht irgendwo dazwischen. Wie würdet ihr Euch einordnen?
Ich denke wir sind alt und neu zugleich. Gerade die College Kids behandeln uns als „next best thing“ und die, die uns schon länger kennen halten uns die Treue. Wir vertreiben unsere Musik selbst und leben davon. Natürlich sind wir nicht reich – das ist Fakt (lacht). Das jedoch ist Unabhängigkeit und das ist das was wir lieben. Natürlich erreichen wir weltweit nicht so viele Menschen wie ein Künstler hinter dem ein Major steht. Aber das ändert sich ja auch gerade gewaltig. Wir versuchen auch mehr das Internet zu nutzen. Myspace ist für alle eine gute Sache. Gute Musik setzt sich durch – das ist unser Ethos nach dem wir arbeiten. Nach 10 Jahren kommen die Headz immer noch zahlreich auf unsere Konzerte – das haben wir uns erarbeitet und ist immer wieder ein schönes Feedback für unsere Art von HipHop Music. Natürlich erhoffen wir uns mehr Möglichkeiten unsere Musik schneller und mehr verbreiten zu können.
- Viele Old School Helden wie Krs One oder Guru (Gang Starr) betonen immer wieder, dass es mehr als wichtig ist die Historie der eigenen Kultur zu kennen um wirklich zu verstehen um was es beim HipHop wirklich geht. Was denkt ihr darüber?
Witzigerweise haben wir gerade letzte Woche für Krs One seine Show hier als Support eröffnet. Ich sag dir, der Typ ist ein Monster auf der Bühne. Unglaublich. Aber ich gebe Krs Recht. Es kann niemand schaden über diese Kultur zu wissen woher sie kommt und welchen Grundgedanken HipHop beinhaltet. Ich selbst bin auf Haiti geboren und haben mich in meinen Anfängen auch mit den Ursprüngen beschäftigt um die Größe dieser ganzen Sache einordnen zu können.
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Ich habe gehört ihr unterstützt den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack
Obama. Wie wichtig sind Euch die politische Attitüde und das Aufzeigen von politischem
Engagement als HipHop-Act?
Wir finden es insgesamt wichtig hier eine Meinung zu haben und sie auch zu vertreten. Wir sind jedoch nicht so „conscious“ wie es den Anschein macht. Wir fühlen jedoch, dass Obama
voller Überzeugung steckt, wie und was er ändern will. Deshalb wollen wir ihn unterstützen. Ich will keinen „funky president“ oder etwas anderes Plakatives, was uns die Medien verkaufen wollen. Ich fühle puren Optimismus und dass er etwas verändern kann. Wir denken aber auch, dass Rap nicht politisch sein muss. Ich liebe die alten Philly-Polit-Rap-Sachen von The Goats – sehe es aber nicht als unbedingt notwenig, politische Themen immer aufzugreifen.
- Meine ganz persönliche Meinung ist, dass es für HipHop allgemein nur gut sein kann, wenn
musikalisch anspruchvolle Alben mit lyrischem Höchstniveau wie „Finding Forever“ oder „Eardrum“ in Billboard Charts gelangen und kommerziell erfolgreich sind. Was denkt ihr darüber?
Wir denken da genauso darüber. Es ist großartig zu sehen, dass sozialkritische Texte und
krasse Rapskillz wieder erfolgreich sind. Wir versuchen ja immer nicht so sehr gegen den
vermeidlichen Mainstream zu haten, aber wir glauben wirklich, dass er zur Zeit einen sehr
negativen Effekt für alle
hat. Schau dir doch Leute wie The Roots oder vor allem Kanye (West) an. Sie schaffen es
doch auch ohne diesen ganzen Scheiss gute Musik unters Volk zu bringen. Sie sind in den
USA wie ein Licht in einer großen Dunkelheit.
- Das denkt man nicht nur in den USA. Wie geht es für Euch weiter?
Wir spielen eine Menge Konzerte und Shows mit einer Live Band namens „More than lights“.
Außerdem sind wir schon wieder im Studio und nehmen wieder neues Material, unter anderem mit dieser Band, auf. Das Experimentieren mit Funk und Rock gefällt uns im Moment ganz gut und die begeisterte Reaktion des Publikums auf solchen Crossover fördert unseren neuen Ideen umso mehr.
- Wie kommt man an Musik von Euch, vor allem die aktuelle Platte? Ihr seid ja immer noch ungesignt.
Das ist richtig. Wir haben jedoch auch unsere Kanäle auf denen wir unsere Musik vertreiben können. Bei i-Tunes und Amazon (USA) bekommt man unseren Stuff schon. Hören kann man unsere Musik auf unserer (MySpace.com/Kanser) Page und man wird dort auch auf unser Partner www.interlockrecords.com weitergeleitet, wo man die CDs bestellen kann.
- Kann man mit Euch auch in Europa bald mal rechnen?
Es wäre schön mal in Schweden, Frankreich oder Deutschland zu spielen. Ich hab schon viel darüber gehört, dass hier eine derbe HipHop-Crowd am Start ist. Ich hoffe, dass wir bald mal eine Tour machen können. Im Moment sind wir in den USA und Kanada viel gebucht. Für die Fans gibt es in unserem Myspace-Blog einen Mix von DJ Last Word von alten und neuen Stücken – for free. Checkt das.
Text & Interview: Peter Hagen
Fotos: Kansermusic