1. 2009 und 2010 habt ihr über 100 Konzerte weltweit mit der neuen Jazzanova-Live-Band gespielt und euer Verve-Album „Of all the things“ auf der Bühne präsentiert. Wie groß war für euch der Schritt vom Studio auf die Bühne? Man hört, dass du auch dein neues Projekt mit Christian Prommer live auf die Bühne bringst….
Jazzanova hat eine Entwicklung vom ersten Album und den Remixes hin zur
zweiten LP gemacht. Anhand der „Stepping stones“, wie dem Project Thief oder auch Belle et Fou konnte man die Entwicklung hin zum klassischen Songwriting mit Live-Instrumentierung erkennen. Der Fokus hat sich vom Sample-Diggin’ hin zum Erforschen von Songstrukturen und Aufnahme –Techniken bewegt. Da wir schon länger mit Musikern zusammen arbeiten, war der Schritt hin zur Live-Präsentation klein, logisch aber mit großer Wirkung.
Ich selber bin bewusst nicht in der Live-Band. Ich sehe mich als die DJ-Seite von Jazzanova und repräsentiere die Club-orientierte Ausrichtung, für die wir in den Gründungstagen bekannt war.
2. Ihr seid sechs Jazzanova-Aktivisten. Axel Reinemer und Stefan Leisering bildeten das J-Nova-Duo mit Gastmusikern wie z.B. Paul Randoph bei euren Live-Gigs rund um den Globus. Hieß das für dich dann, dass du dich neben deinen DJ-Tätigkeiten mehr Soloprojekten widmen konntest?
Bei Jazzanova arbeitet jeder in seiner Ecke. Ich bin halt der Dj und Radiomann. Zeit ist auch bei mir knapp. Aber das Prommer & Barck-Album entstand in ganz anderer Arbeitsweise. Wir arbeiten viel mit Zitaten und Sampels. Christian ist ein sehr schneller Studio-Wirbelwind, der auf Grund seiner Erfahrung mit Dj Hell, dem Trüby Trio oder auch seinem Drumlesson Projectesein super Gespür für seinen jeweiligen Produktions-Partner hat. Die Kommunikation ist Hauptbestandteil, wenn zwei Personen aufeinander treffen, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Das Hören von Musik und das Austauschen über diese ist bei J-Nova und dem P&B Project der Kern.
3. Erstaunlich war schon immer bei Jazzanova-DJ-Sets und bei den Veröffentlichungen auf Eurem eigenen Label Sonar Kollektiv, dass ihr immer eine große musikalische Bandbreite bereitgestellt habt. Es gab so ziemlich alles zwischen Folk, Brasil, Jazz, Broken Beats, House etc. Floß hier die Passion und das Sammelspektrum der J-Nova-Djs sehr mit ein?
Ich würde das als Liebe zur Musik bezeichnen. Manchmal auch als Sucht, etwas Neues zu entdecken. Das hilft auch die Routine oder Langeweile die entstehen kann, wenn die Passion zur Profession wird, zu vermeiden. Musik ist ein Fass ohne Boden. Es wird nie langweilig, sich damit auseinanderzusetzen. Anfang der Neunziger, als die so genannte Acid Jazz Bewegung aus England nach Deutschland schwappte, wurde es normal, genreübergreifend Musik zu verbinden und überall nach Musikstücken zu forschen, die das Prädikat tanzbar oder interessant verdienten. Eine Herangehensweise, die Leute wie Larry Levan, David Mancuso, Ron Hardy oder Djs der Cosmic Szene bereits Ende der 70er Anfang der 80er Jahre vormachten.
4. Über „Alex & the Grizzly“ heisst es, die Inspirationsquellen sind die Musikstücke, die die Welt von euch beiden veränderten und wegweisend beeinflussten. Sagt das nicht jeder Künstler über seine neue Platte?
Wenn man in der glücklichen Lage ist, sein Leben mit Musik zu bestreiten,
heißt das, viel hören und den entsprechend hohen Input mit seinem Geschmack zu sortieren und im besten Falle wieder zu Output werden zu lassen. Eigentlich so eine Art Energiemodel.
5. Ambient, Detroit, Krautrock, Jazz…bei den ersten paar Mal hören eures Werkes meint man die Einflüsse offenkundig ausmachen zu können, aber dann irgendwie doch nicht. Tiefe war euch wichtig bei dieser Produktion?
Wir versuchten die Spontaneität zu bewahren. Beim Arbeiten mit Computern bleibt diese oft auf der Strecke. Wir komponierten und arrangierten alle Songs
in 10 Tagen. Alle Aufnahmen sind „Snapshots“, Momentaufnahmen, die live Charakter haben, da sie nicht gerade gerückt oder fein geschliffen sind. Das war uns sehr wichtig, da elektronische Musik oft die Seele oder auch die Tiefe verliert beim Versuch sie aufzupolieren.
6. Beide seid ihr: DJs, Plattensammler, Musiker und Produzenten. Ihr habt also aus einem unglaublichen Fundus an Musik geschöpft. Kann man die Platte eine Art finales „Alterswerk“ nennen, weil ihr beide schließlich schon sehr lange Musik aktiv auf unterschiedlichen Kanälen macht und jetzt all diese Erfahrung geballt hier kreativ umgesetzt wurde?
Finales Alterswerk klingt mir zu abschließend. Wir arbeiten ja schon am zweiten Album. Das dürfte dann die Frage beantworten. Musik geht für uns in zwei Richtungen. In die Vergangenheit und die Zukunft. Sie bedingen sich einander und deren Wechselspiel wird uns egal in welchem Alter inspirieren, neue Musik zu erschaffen.
7. Der Pressetext spricht von Hybriden wie „Earthboogie Dance“ und „Deep Kraut Music“. „Acid Jazz“ entstand Anfang der 1990er auch aus einem ironischen Kommentar von Gilles Peterson. Keine Angst vor unbewusster Genreneubildung und Überforderung der Plattenkäufer? Oder liegt gerade hier der Reiz?
Das macht einfach Spaß. Acid Jazz ist griffig. So was kann helfen, eine Musikrichtung zu pushen. Kann aber auch limitieren und Leute abschrecken, die Jazz oder Boogie nicht mögen. Solche Wörter müssen mit Inhalt gefüllt werden. Der entscheidet über den Erfolg eines Genre-Titels.
8. Wie kann man sich die Entstehung eures Projektes vorstellen? Ihr kennt euch schon seit Jahren und tauscht Musiktipps aus. Dazu sprecht ihr oft über Details und Besonderheiten bei bestimmten Produktionen. Das macht aber noch keine eigene Idee….
Ich kenne Christian schon sehr lange durch die gemeinsame Zeit bei Compost oder auch die Zusammenarbeit für sein Drumlesson-Projekt. Das Sonarkollektiv veröffentlichte ja das erste DL Album. Bei einem Treffen in Berlin wollte ich mir eine Frage bzgl. der Arbeit mit Ableton Live erklären lassen, da Christian elektronische Musikproduktion auch an Musikschulen unterrichtet. Ich gab Ihm ein Sample, an dem er mir die Bearbeitung erklären sollte. Das ging so schnell, dass das erste Stück, welches auch auf unserem Album landete, in 3 Stunden fertig war. Dieses Stück heißt heute „ Submarine Bells“ und war der Anfang unserer Partnerschaft. Da ich immer noch dem Sampling verfallen bin und Christian scheinbar auch davon inspiriert wird, passt es einfach gut zusammen.
9. Ihr habt das Album angeblich innerhalb von nur 20 Tagen eingespielt. Davor muss jedoch einiges passiert sein, oder?
Ich würde sagen, dass sich davor Ideen angestaut haben. Dann kamen die Zehn Tage des Bastelns in München und dann haben wir das Album eine Woche in Berlin mit Hilfe von Hannes Bieger gemischt.
10. Selbst alte Haudegen und renommierte Kollegen haben sich verwundert die Ohren geputzt und die Augen gerieben. Alex Barck, der Jazzanova-DJ, singt. Warum hast du so lange gewartet mit dem versteckten Talent raus zu kommen?
Eigentlich haben wir da aus der Not eine Tugend gemacht, da Sänger ja teuer sind und wir ja dieses Dogma hatten, am Tag einen Song zu machen. Ich sang die Guide-Spuren für eventuelle Sänger ein und wir stellten fest, dass es ganz lustig klingt. Ich imitiere auf den Songs andere Sänger. Dadurch fällt es mir leichter zu singen. Ich bin kein Sänger, aber mal sehen wie es weiter geht. Außerdem sind es ja nur kleine Vocal-Passagen. Nichts Großes.
11. Für die Platte habt ihr ein neues Label namens Derwin Records installiert. Warum habt ihr nicht auf Compost oder Sonar Kollektiv, wo Prommer und Du bereits mehrfach veröffentlicht hat, entschieden?
Ich habe mich dazu entschlossen, um unabhängiger und flexibler zu sein. Man muss auch oft mit Vorurteilen rechnen, die manche Leute gegenüber verschiedenen Labels haben. Derwin Recordings ist ein weißes Blatt Papier, welches jetzt beschrieben wird.
12. Ihr beide seid eigentlich auch sehr viel für das Remixen bekannt. Du hast
auch Prommer’s viel beachtete „Drumlession“ geremixt. Wird es auch
Remixarbeiten zu „Alex & the Grizzly“ geben? Es schreit ja förmlich
nach Henrik Schwarz, Ame und Carl Craig….
Es wird Remixes von Andre Lodemann, DJ Hell, San Soda, Peter Kruder, Kink, Alex Barck und uns selber geben. Ein Remix-Paket bestehend aus Freunden und Leuten, deren Produktionen wir spannend finden.
13. Wird es ein weiteres Jazzanova-Werk geben? Was planst du für die Zukunft?
Wir arbeiten bereits am nächsten Jazzanova-Abum und hoffen, es dieses Jahr
fertig zu stellen. Ich wünsche mir, dass beide Projekte erfolgreich sind, getrennt wahrgenommen werden und trotzdem zusammengehörig erscheinen. Das Sonarkollektiv startet neue Aktivitäten und Derwin soll als Hafen für verrückte Club-Musik entstehen.