Review:
Wie konnte es überhaupt passieren, dass man von Soul Music besessen sein kann? Die Erklärungsnot herrscht 2008 nicht mehr. Gesellschaftlich sind die leidenschaftlichen Texte der hitzigen Rhythm & Blues – Auswüchse nicht mehr revolutionär und anrüchig. Ob das der allgemeinen Abgestumpftheit oder dem aufgeklärten Zeitalter zuzuschreiben ist, oder der Spaßgesellschaft der HipHop & Techno-Generation zu Grunde liegt, mag jeder für sich entscheiden. Soul ist jedenfalls wieder voll da. Die Kraft und die Ausstrahlung dieser, zwischenzeitlich etwas verdrängten Sparte hat wieder Relevanz. Wohl auch durch die affinen Pop-Produktionen von Joss Stone, Duffy, Amy Winehouse & Konsorten. Die Kirche war es jedenfalls in den prüden 60ern, die gegen Teufelsmusik des Otis Redding, Wilson Picket, Ann Sexton oder Curtis Mayfield intervenierte. Zeiten ändern sich. Heute machen aus Prediger Soul und der ist nach wie vor seiner Linie treu und nicht entschärft. Die Gemeinde wird es ihm nicht übel nehmen – denn die zeitgenössischen Klänge, vom HipHop dominiert, hat keine moralischen Barrieren mehr in ihrer Musik. Vielleicht einer der Gründe warum Soul wieder so wichtig ist: Sex mit Liebe ist immer noch besser als Sex ohne Liebe. Soul propagiert die Hitze, das Verlangen, das Leiden und vor allem die Sehnsucht. Mit diesen Inhalten und der absoluten Hingabe, der Verkörperung dieser Thematiken stellen sie das Gegengewicht gegen die Musik des schnelllebigen Beischlafs, der dicken Autos und oberflächlichen Gesellschaft. Da HipHop kein Problem hat sich diesen Schuh anzuziehen, sind die Fronten ja geklärt. Der Respekt der anderen Seite hat Soul sicher. Das merkt man schon, wenn der Drummer und Produzent Amir „Questlove“ Thompson über die Epoche und die Künstler des Soul spricht. Ehrfürchtig aber selbstbewusst hatte nämlich dieser sich in einem Interview mit dem Rolling Stone Magazin weit aus dem Fenster gelehnt und fast schon übermütig geprahlt, dass er, wenn man ihm die Möglichkeit gäbe mit einem alten Soul-Hero zu arbeiten, die Musik von damals zurückbringen kann. Diese Vorlage fand ihren Adressaten in Person des Labelmanagers von Blue Note Records, der Thompson und Philly Neo Soul – Treibkraft James Poyser für ein weiteres, drittes Comebackalbum von Al Green ins Studio holte.
Unter dem Retro-Banner der Jetztzeit ist das Interesse an den der Musik mit dem großen Anziehungsfaktor und der intensiven Melodien wieder erstarkt. Marva Whitney, ebenfalls in den 70ern gefeierter Star hat auch den Weg zurück ins Musikgeschehen gewagt und mit der japanischen Funkcombo Osaka Monaurail im Rücken vorgemacht, wie man als Alt-Star würdevoll und authentisch zurückkommen kann. Auch Al Green schafft es, wie von Questlove Thompson anvisiert, an sein 1977 erschienenes letztes klassisches Soulwerk „The Belle Album“ anzuknöpfen, ohne dieses zu kopieren. Sie haben den Vibe wieder gefunden.
Green, der sich seiner Mission als Prediger, dem christlichen Glauben verschrien hat, nahm in den 80er Jahren einige Alben mit spirituellem Pop & Gospelmusik auf. Zurück zum Soul, zurück zu weltlicheren Bezügen und wieder zurück zu dem, was er am Besten kann, nämlich SOUL in Reinform, ist die Stimme aus Arkansas seit 1993 wieder an dem Punkt, an dem die Fans wieder froh sind ihn zurück zu haben. Mit „Don’t look back“ hatte er sich selbst einen Auftrag, neben dem der göttlich Verkündigung, auferlegt. Das harte Schicksal in Form des Selbstmordes seiner Frau verarbeitet zu haben und wieder nach vorne zu blicken, sollte die Initialzündung für den zweiten Frühling der Soulikone werden.
Seit diesem Zeitpunkt kann er wieder an die von den Fans so geliebte Phase der 70er, in denen Hits wie „Tried of being alone“ & „Let’s stay together“ entstanden, anknüpfen bzw. darauf aufbauen. Was bestimmt kein leichtes Unterfangen darstellte.
Das Geheimnis von „Lay it Down“, dem neuen Album, liegt nicht nur in dem wiederentdeckten Feuer bei Green selbst, sondern das die Produzent selbst Fans dieser Musik sind. Thompson und Poyser haben die alten Klassiker auf Hi Records und die Produktionsweisen des legendären Willie Michell studiert um Green einen würdigen und angemessenen musikalischen Background geben zu können. Man sollte diese Scheibe jedoch nicht als plakative Rekonstruktion einordnen. Natürlich sind die Sounds analog und zelebriert förmlich diesen sagenumwobenen warmen, von der Hammond durchlaufenden Rhythm & Blues-Groove. Da hat man sich auch gerne die Horn-Fraktion der New Yorker Dap-Kings augeliehen, um so nah wie möglich an den alten, guten Zeiten anlehnen zu können. Die neuzeitliche Armada an Soul-affinen Star hat man dann auch noch zu einem gemeinsamen jammen eingeladen. Corinne Bailey Rae, Anthony Hamilton und John Legend verpassen dem ganzen Gefühlswerk ein leichtes zeitgenössisches Update, ohne die Kunst des Al Green zu stark zu beeinflussen oder gar zu stören. Man kann sogar soweit gehen und sagen, dass die drei Künstler der nächsten, zukünftigen Generation hier bewohnen durften, als ein wirklich großartiges Soulalbum der Post-70er entstand.
Peter Hagen
Trackliste:
| 1. | Lay It Down | |
| 2. | Just for Me | |
| 3. | You've Got the Love I Need | |
| 4. | No One Like You | |
| 5. | What More Do You Want from Me | |
| 6. | Take Your Time | |
| 7. | Too Much | |
| 8. | Stay With Me (By the Sea) | |
| 9. | All I Need | |
| 10. | I'm Wild about You | |
| 11. | Standing in the Rain |
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