Die Entwicklung ist irgendwie verrückt. Inzwischen werden nur noch so wenige Alben verkauft, dass Künstler die seit Jahren im Schattendasein agierten, plötzlich im strahlenden Lichte der Billboardcharts auftauen. So geschehen aktuell mit „Rising Down“ – die mit 50.000 verkauften Exemplare an die Spitze der Rap-Billboard-Charts stürmte. Dort wo noch vor nicht zu langer Zeit Großverdiener wie Fifty, Puffy und Kanye ihren Stammtisch hatten nun also die ehrwürdigen Roots. In Zuge dieser augenblicklichen Entwicklung bekommen solch alt gedienten(Indie-)Acts wie Atmosphere endlich ihre verdiente Aufmerksamkeit. MC Slug (Sean Daley) und Produzent ANT(Anthony Davis) sind seit Anfang der 90er Jahre im Spiel und waren immer frei von jeglichen Zwängen des Musikmarktes. Das hat ihnen einen festen Stand in der HipHop-Gemeinde verschafft. Jedoch muss deutlich sagen, dass die beiden Freggles aus Minneapolis die Art von charakteristischen Mucke vertreten, die früher gerne als Alternative bezeichnet wurde. Cypress Hill, House of Pain oder The Goats waren immer Gruppen die auch von Metall-Heads gehört wurde und diese Künstler an sich auch nie einen Hehl daraus machen sich durchaus am Crossover (Remember „Judgement Night“ Soundtrack!) erfreuten und sich dort wohl fühlten. Diese Nähe zum Rocklager hatten Atmosphere allein schon deshalb weil sie (wie The Coup)2001 bei Epitaph Records unterschrieben. Ein Label das normalerweise für Punk & Hardcore-Acts wie Bad Religion, Pennywise, NoFX gefeiert wurde. Der Musik von Atmosphere war deshalb auch immer dem affinen Genre Rock sehr offen gegenüber. Die Attitüde des revolutionären Punk kam ihnen schon immer entgegen. Die anarchistischen sowie sarkastischen Texte spiegeln das auch auf ihrem neusten, inzwischen sechsten Studioalbum für ihre eigenes Label, dem Independent-Flagschiff Rhymesayers.
Gerade bei Tracks wie „Dreamer“ kann man es förmlich spüren, dass die Jungs live on stage Bombe sind und genau dafür Musik wie dieser Song kalkuliert konzipieren. „Garantees“ hat den Blues der Vielen im HipHop schon lange abhanden gekommen ist und gleichzeitig hat man oft das Gefühl das HipHop hier gar nicht mehr im Mittelpunkt steht. Das „Zwischen den Stühlen“ scheint die Sphäre zu sein der die beiden zur Höchstform finden. Die schweren Funkbretter mit den unterhaltsamen, durch nicht immer ernstzunehmenden Sexphantasien wie „Should known“ oder „The Waitress“ mal ausgenommen. Das Stück „Painting“ dokumentiert, dass Slug eben nicht nur über Mädchen und Party rappen kann sondern durchaus das Storytellung mit Tiefgang beherrscht. Bei all der herrlichen Selbstironie kann man einiges entdecken, was man allgemein im HipHop weniger denn je hört. Der teils live eingespielte und gesampelte musikalische Boden ist ein absolutes Kontraprogramm zum zeitgenössischen Entwurf. Aber eben deshalb so gut. Wer etwas mehr Geld investiert bekommt die limitierte Edition mit einem 40seitige Booklet und einer Bonus-DVD. Fanshit.
Peter Hagen