Aus Amerika kam in Sachen musikalischer Frauenpower lange Zeit nichts Innovatives mehr über den Teich. Um so überraschender ist das grandiose Album einer grandiosen Frau. Beth Hart aus Los Angeles hat ihr aktuelles Album angeblich in 37 Tagen aufgenommen und es deshalb auch „37 Days“ genannt. Es ist zwar bereits ihr fünftes Album seit 1996, aber hierzulande hat das gesamte Werk & Wesen bisher leider nicht die Beachtung bekommen, die beide verdient haben.
In 17 Songs demonstriert sie nun ihr ganzes Können und die raue Schönheit ihrer Stimme mit hohem Wiedererkennungswert, die an Janis Joplin und Melissa Etheridge erinnert. Das will so gar nicht zu ihrem Äußeren passen, denn Beth ist klein, zierlich und höchst attraktiv. In ihren Songs spiegelt sich ihr Achterbahn-Leben wie dreckiges Öl in Regenbogenfarben auf dunklen Pfützen. Die Songschreiberin, Sängerin und Pianistin überzeugt mitsamt ihrer tollen Band in erdigem Vorwärts-Rock genauso wie in wundervollen Balladen – immer mit Energie, Ehrlichkeit und Gefühl in höchsten Dosen. Es lohnt sich auch einen tieferen Blick auf die Songtexte im Booklet zu werfen.
„37 Days“ startet mit dem kraftvollen Ohrwurm „Good As It Gets” und verzaubert danach mit dem selbstkritischen „Jealousy“. Das sind grob die Pole zwischen denen sich die Amerikanerin selbstsicher bewegt. Da hört man feinsten Rock mit richtig Druck und aufgedrehten Gitarrenverstärkern, wie etwa „One Eyed Chicken“, „Face Forward“ oder „Waterfalls“. Auf der anderen Seite sind da diese berührenden Balladen, die Gänsehaut erzeugen. Klaviertropfen voller Erinnerungen, Textfenster voller Sehnsucht. Ob nun „Beautiful Child”, „Easy” oder „At The Bottom”. Da ist eine bleibende Intensität, die einen nicht kalt lässt. Bei „Soul Shine“ möchte man sich auf ein Hochhausdach stellen, die Arme ausbreiten und laut mitsingen, während einem die Tränen übers Gesicht laufen. Tränen vom Wind natürlich oder von der Sonne. Das ist Soul, das ist Blues, das ist einfach saugut. Und live ist diese kleine große Frau eine fast orgastische Erfahrung.
Wie gut Beth Hart 2008 ist zeigen die drei Bonustracks, denn ihre alten Hits „L.A. Song“, „Learning To Live“ und „Leave The Light On” können leider das heutige Niveau nicht mehr mithalten. Gut so.
Regina Sommerfeld