Wie gut es doch tut, das neue Album von Black Milk zu hören! Wie gut es doch tut, zu hören wie kompromisslos der immer noch sehr junge Produzent und Multiinstrumentalist seine Werke bastelt. Wie gut es doch tut, dass es eigentlich nichts gibt, was so klingt wie der Sound des Beatschraubers aus Detroit!
Er hatte es nicht leicht. Da starb der Beatpate von der Motorstadt mit der 8 Mile und schon rief man den blutjungen Mann zum Erben von Dilla auf. Nicht nur, dass man diese Erwartungen sowieso nicht erfüllen kann, ausserdem trieb die Trauer so manchen Fans dazu, dass man Hoffnungen hegt, hier eine Inkarnation gefunden zu haben. Pustekuchen. Schon die ersten Produktionen zeigten wie autark hier ein wahrlich freigeistiger Beatschmied seine Waffen schuf, die inzwischen weltweit bei einer nicht zu verachtenden HipHop-Gemeinde für allerhand „ahhs“ und „ohhs“ sorgen.
Sein beigesteuerten Talentandeutungen auf Slum Village’s „Trinity“ oder „Detroit Deli“ nahmen als bald wichtig Fahrt auf, als er sich bewusst wurde, dass wenn er zu experimentieren beginnen würde, hier der Baum richtig brennen würde. So schob er immer wieder den Geist Dillas wohl unbewusst in seine Werke, obwohl er davor floh und seinen eigenen Weg zu definieren versuchte. Wie sehr Dilla seine musikalische Sozialisation beeinflusste, wurde von Produktion zu Produktion deutlicher, wohl aber deshalb, weil er nicht versuchte dessen Stiel zu kopieren, sondern nur dessen Arbeitsethos aufzunehmen. 2006 veröffentlichte er sein zweites Album „Popular Demand“ und ließ bereits erahnen in welche Dimensionen dieser junge Mann HipHop-Träume schießen könnte. Die folgenden Kollaborationen mit Fat Ray und Bishop Lamont waren wohl auch nur eine weitere Entwicklungsstufe eines Beatbastlers dessen Karriere auch jetzt noch nicht auf dem Zenit zu sein scheint.
Vor zwei Jahren blies „Tronic“ wie ein Tornado über die HipHop-Gemeinde, weil sich endlich mal wieder jemand weiter hinaus wagte und komplett autark vom aktuellen Geschehen die Snare so hart ansetzte, dass man erst merkte, dass man es nicht mehr gewohnt war. Das war HipHop der weder in der traditionsverliebten Boom Bap-Falle steckte und sich in „good old time“-Langeweile und Replay suhlte, noch vor dem elektroniden Chartskäse anbiederte. Eigenständigkeit und Progression mit einer ganz ordentlichen Portion Soul wurde hier plötzlich serviert, dass sogar Großgrundbesitzer wie Jay-Z schon anfragten und die geschätzten Kulturfackelträger KRS ONE und Buckshot für sich und Nachkomme Skyzoo gleich ein paar knackige Beats bestellten. Ganz nebenbei feiert DJ Premier diesen Jungen ab wo er nur kann.
„The Album of the Year“ ist natürlich vom Titel her richtig dicke Hose, aber hat das nicht schon immer Tradition im HipHop und gehört schon dazu? Dazu kann man jedoch gleich sagen, dass es bisher ein guter HipHop-Jahrgang war und sich Black Milk an diesen Alben messen lassen muss, wenn man den Albumtitel sehr ernst nehmen mag. Und bei allem Respekt für die geschätzten Producer-Kollegen Statik Selectah, Madlib oder Illmind – die alle vor der Jahreswende mit einem Release kommen werden, sie werden nicht an diese 12 Genickbrecher ran kommen. Allein „Gospel Psychedelic Rock“ oder „Keep going“ zeigen, dass hier jemand nicht an einer weiteren lustlos geschraubten Synthie-Sause für die Clubs interessiert ist, sondern auch mal dort hin geht, wo es weh tut und damit in einer direkten Nachkommenschaft nicht nur von Dilla sondern vor allem von Public Enemy steht. Nebenbei sei erwähnt dass er sich von Kollegen Royce da 5’9 sehr gut zeigen hat lassen, wie man etwas doper und pointierter rappt.
Peter Hagen