Boban i Marko Markovic: Devla
Review:
Sitzt im kollektiven europäischen Gedächtnis der Balkankrieg Anfang der 1990er mit seinen schrecklichen Bildern des Genozids und der ethnischen Säuberung nicht noch wirklich so tief, dass man sofort daran denken muss, wenn man Serbien hört? Vermutlich ist das oft so. Und vermutlich tut man diesem Land damit Unrecht wenn man sie auf die Gräultaten des Krieges reduziert. So wird es Zeit dass man auch die anderen, die schönen Seiten des Landes und seiner Kultur kennen lernt. Als Botschaft hierfür dienen die Markovics sehr gut. Die beiden Musiker sind die Könige des Balkan Brass in Serbien. Bei Festivals sind sie Headliner und man darf sie dort getrost als richtige Stars bezeichnen, die man auf dem gesamten Balkan kennt und für ihren Sound liebt. Seit einigen Jahren kann man ihre Kompositionen auch auf CD erwerben und sie bereisen mit ihrem Orkestar inzwischen die ganze Welt, auf der der Balkansound immer größer werdende Beliebtheit findet. Immer mehr deutet sich an, dass viele Leute nach traditionellen Klängen verlangen und sich über die Kombination mit experimentellen Sounds sehr freuen. Die Markovics wollen genau hier den Brass-Sound weiterentwickeln und bekannt machen. Auf ihren frühren Veröffentlichungen mochten die Ausflüge ins südamerikanische Musikgefilden noch nicht so ganz geschmeidig ins Ohr gehen. Vielleicht war der Wunsch nach Fusion in den europäischen Ohren noch zu arg von puristischen Hörgewohnheiten dominiert?! Der Gipsy Jazz und Polka-Brass lebt jedoch in der Mitte mit ganz viel Euphorie für seine eigenen Werte gleichzeitig auch für die ständige Weiterentwicklung. Progression spürt man bei den Markovics in ihren pointierten, oft mit Geschwindigkeitswechsel verbundenen Blaseinlagen. Den deutschen Gepflogenheiten in Sachen Blasmusik steht das fast revolutionär gegenüber – lässt man mal die aktuellen Innovationen von La Brass Banda aus Bayern außen vor.
Wahrscheinlich wollen die zwei Serben das jetzt nicht hören, aber die Funkyness einer amerikanischen Marchin’ Band haben auch sie intus und das ist vielleicht das entscheidende Moment ihrer Musik. Blechbläseraktionen dieser Art leben von unorthodoxen Harmonien und Rhythmen. Hier befindet sich ein Faktor „Funky“ der den Trademark-Sound der alten Werte nicht widerspricht oder kontraproduktiv gegenüber steht. Nur die Mutigen kommen nach vorne – zu ihnen gehört dieses spannende Vater-Sohn-Gebilde. Von wegen Generationskonflikte – hier wird in einer dynamischen Art und Weise miteinander gejammt und ausprobiert, dass das Resultat den anderen Balkan-Gruppen scheinbar immer ein Schrittchen voraus ist. Wie diese Virtuosität und Dauerdynamik der Familienbande aussieht, kann man nun wieder auf einem neuen Album hören. „Devla“ ist wieder Sini-Roma-Folklore mit Progression. Die Markovics verordnen chronische Lebensfreude ohne Rezept. Hier gibt es keine Lounge-Cocktails sondern immer noch Sliwowitz bis der letzte arme Teufel im Saal tanzt. Ist es verwirrend, dass die Tradition türkischer Militärblasmusikmärsche hier wieder als Element des Soundgemisches aufgenommen und wiederbelebt werden? Hell, No! Die zwei passionierten Wandermusiker können das. Hat diese ganze Roma-Sinti-Klangwelt nicht auch Hitler, Tito und Milosevic überlebt? Warum spricht man hier nicht von Resistance-Musik oder Revolutions-Sound?
Peter Hagen
Tracks:
- 01. Udri mile
- 02. Khelipe e cheasa
- 03. Devla
- 04. Maruska
- 05. Rommano biav
- 06. Svi za gucu
- 07. Kum boemcina
- 08. Soske sul na avea
- 09. Benim gecem
- 10. Kazi baba
- 11. Hopa cupa
- 12. Sljivovica
- 13. Kel borije kel
- 14. Plovdivska rachenitsa
Releases:
- Boban i Marko Markovic: Devla-Blown Away to Dancefloor Heaven, VÖ: 16. Oktober 2009
- Interpret:
- Boban i Marko Markovic
- Label:
- Piranha Records
- Stil:
- Jazz Folk Balkan Beats Gipsy Jazz Gypsy Brass







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1 Kommentar
Saubere Review Peter!
Gruß
Dislo
von Dislo
vor 749 Tagen
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