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Charles Bradley: No time for dreaming

Charles Bradley: No time for dreaming

Rhythm’n’Blues – das war mal etwas komplett anderes. Heute ist die Umschreibung R’n’B mehr mit Beyonce, R.Kelly und Konsorten behaftet. Soul war auch immer etwas, das man in den 1960ern verortete und heute in modifizierter Form im Pop verankert ist. Joss Stone, James Morrison und viele andere Mainstreamkünstler haben dazu beigetragen. Nicht wenige Musikliebhaber sind jedoch der Überzeugung, dass der wahre Soul, falls es so etwas überhaupt gibt, aus den 1960ern und 1970ern kommt. Es gab gerade in den letzten Jahren eine Rückbesinnung auf die traditionellen, klassischen Soulansätze. Al Green kam noch einmal fulminant zurück, weil er sich seiner Großtaten Anfang der 1970er erinnerte. Aloe Blacc hat den klassischen Ansatz für sich interpretiert und überraschender Weise Millionen von Menschen damit berührt. Die Königin Sharon Jones und ihre Retro-Nr.1-Zurückbringer-Kapelle The Dap-Kings kann man schon als Pioniere der Renaissance bezeichnen.

Nun tritt der alte Soulcrooner Charles Bradley auf den Plan. Bereits seit 2004 im Kreise von Daptone / Dunham Records aktiv, steht nun sein Debüt an. Den Sountrack für die Geschichten in den Liedern von Bradley liefern die Mannen der Menahan Street Band, die bereits mehrfach bewiesen haben, dass sie den Jazzfunk der „good old days“ spielen können, wie kaum eine andere Kapelle weltweit. Die Presse umschrieb da sehr treffend ihren musikalische Ansatz als „atmosphärisch, roh, statt, warum und eindringlich“. Dem einzigartigen Sound konnte sich auch Jay-Z und die Produzenten des American Gangsters-Sountrack nicht entziehen und sampleten ihn für „Roc boys“.

„No time for dreaming“ ist ein bittersüßes musikalisches Dokument dafür, dass das Leben auch aus viel Schmerz und Leid bestehen kann. Dieses Album ist ein persönliche Aufarbeitung des Sängers mit seinem Leben zwischen Tagelöhnerjobs, Alkoholismus, Drogen, Affären, Liebeskummer und dem überkommenden Grau des Alltags in den Fängen der Maschinerie des knallharten Kapitalismus in Amerika. Selten hat man den herausgeschrieenen Schmerz eines Crooners so nachvollziehen können wie bei Bradley, der seine ganze autobiographische Erfahrungsenergie in dieses Album hineingelegt hat. „Why is it so hard?“ oder „The world going up in flames“ sind bewegende Momente und Soulhighlights des Jahres 2011. Hoffe kann man, dass “I need a dollar” diesem Werk und dem 63jährigen Künstler mehr Ohren und Türen öffnet, weil Bradley hier auf deutlichste Art beweist, dass aktuelle Musik nicht an Emotionalität verloren hat und der Soul nicht tot ist.

Peter Hagen

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