Als Tochter von Serge Gainsbourg und Jane Birkin hat man es entweder sehr leicht oder sehr schwer. Charlotte wählte den mittleren Weg, übernahm den Namen des anerkannten Künstlervaters und das Talent beider Eltern, um eine eigene erfolgreiche Karriere in den Bereichen Film und Musik zu starten.
Nach ihren viel beachteten Alben “5:55″ von 2006 und “IRM” von 2009 (mit Beck Hansen als Songwriter und Produzent), konzentrierte sie sich in den letzten Jahren wieder vermehrt auf die Schauspielerei und war u. a. in zwei Filmen von Lars von Trier – “Antichrist” und “Melancholia” – zu sehen. Deshalb ist die neue Veröffentlichung fast ein musikalisches Comeback: “Stage Whisper” kommt im Doppelpack mit CD und DVD, bietet allerdings einen dreifachen Einblick in das Werk der Sängerin, die optisch an die junge Patti Smith erinnert.
Auf der CD befinden sich zunächst acht bisher unveröffentlichte Tracks, in denen sich diverse Komponisten scheinbar an neuester Computer-Software austobten, um einen Clubsound aus Electronic Beats zu zaubern. Die Coolness der Musik findet in der mädchenhaften Stimme durchaus einen reizvollen Antipoden, wobei Charlotte wahrlich keine große Sängerin ist. “Paradisco” ist herrlich funky, “Anna” hübsch melodisch und “Memoir” leichter Singer-Songwriter-Pop.
Danach folgen elf Live-Songs, in Perfektion dargeboten. Auch auf der Bühne wird mit viel Elektronik gearbeitet, aber CHARLOTTE GAINSBOURGs Stimme gewinnt und klingt etwas kraftvoller, weil sie gegen die Band ansingen muss bzw. neben ihr bestehen muss. Zu hören sind u. a. “Heaven Can Wait”, der Happy-Hit von 2009, und die zarte Ballade “In The End” sowie der sechs Jahre alte Ohrwurm “The Songs That We Sing” und das Dylan-Cover “Just Like A Woman”, das wie ein Schmetterlingsflügel am Gehöreingang kitzelt.
Wer sich nach Bildern zum Live-Sound sehnt, kann die einstündige DVD genießen: Ein Konzert-Mitschnitt, unterlegt mit visuellen Effekten und viel Material “behind the scenes”, also Film-Aufnahmen während Studioarbeiten, Autogrammstunden und Reisen. Wirklich ansprechend gemacht. Auf der Bühne wirkt CHARLOTTE GAINSBOURG etwas scheu, was zu ihrer Attitüde passt. Außer “Merci” redet sie nicht viel, lässt die Songs für sich sprechen und wirken. Sie ist wahrlich keine Rampensau, glänzt jedoch mit Charisma und Sinnlichkeit. Während die Sängerin nebenbei mal etwas trommelt oder auf einem Keyboard herum tippt, wird sie begleitet von fünf professionellen Musikern, die auch auf der Bühne voll integriert sind und sich dennoch in demütiger Zurückhaltung zeigen.
Dieses Bühnengeflüster macht als üppiges Gesamtpaket große Freude, sowohl akustisch als auch optisch, und beeindruckt mit dem vielfältigen Output einer vielleicht unterschätzten Künstlerin.
Text: Regina Sommerfeld