Ein zentraler Gedanke bei „TNT“, dem neuen Album von Dynamite Deluxe, ist wohl Mut. Die Mischung aus 10 Jahren Erfahrung und Kompetenz im Rapgame gepaart mit der kreativen Kraft der Offenheit gegenüber neuen musikalischen Strömungen ist die große Stärke des Comebackalbums von der Gruppe um Star-MC Samy Deluxe. Die Entscheidung nicht altbewährtes, sprich das gefeierte und einflussreiche Debütalbum, zu wiederholen – sondern sich neuen Horizonten zu öffnen macht dieses Album zu einem extrafrischen Stück Rapmusik. Die Einflüsse aus oldschooligem Electrofunk („Boombox“), Dancehall/Reggae („Mein Problem“) oder progressiven und durchaus dem zeitgenössischen Clubbeats („Der Thron ist meiner“ & „Dynamite“) aus Grime & Dirty South angepassten Sounds orientiert, machen diese Platte wohl zu dem, was man im Vorfeld schon angekündigt hat. „TNT“ gehört mit dieser explosiven Symbiose aus kreativer Produktionen und deftigen Rap in seiner Vielfalt und Durchschlagskraft zu den Highlight das der deutschsprachige HipHop gebraucht hat. Für viele war das ja schon im Vorfeld klar – jedoch kann man nach den ersten drei Durchläufen der Scheibe schon sagen, dass Dynamite Deluxe definitiv nicht nur relevant im Hier und Jetzt des Deutschrap sind, sondern auch prägend und zukunftsträchtig sein werden. Hier wird der Mut neue Wege zu gehen belohnt. Hier werden neue Sounds nicht nur angestrebt, sondern auch umgesetzt. Was in England mit Labels wie Big Data bekanntlich seit Jahren der Szene eine alljährlich wiederkehrende Frischzellenkur verleiht – kann Deutschland nicht schaden. Hatte doch oft die Fans von Samy Probleme, dass er sich auf seinen Soloalben des Öfteren zu sehr an den amerikanischen Clubströmungen orientiert, legen Tropf und DJ Dynamite hier einen Grundstein in verschiedene Stil und Genre-Richtungen, auf denen Samy Deluxe scheinbar über sich hinaus wächst. Da darf es auch gerne mal ein unbeschwertes, cruisiges, souldurchtränktes „Mein Flow ist“ sein, das analog zu Biggie Smallz’ „Juicy“ wahre Größe anmutet – weil es einfach mal wieder anders klingt wie der Rest von „TNT“.
Die Rapskillz von Samy, gegen die wohl niemand etwas nur im Ansatz sagen könnte, gehören sicherlich immer noch zum Besten was aus deutschen Landen kommt. Samy’s Stärke verdeutlicht gleichzeitig die Misere des Nachwuchses. Die hervorragende Releases von Huss’n’Hodn, K.I.Z, Maeckes & Plan B oder Prinz Pi in Ehren, aber das hier ist in der Tat eine Liga, in der wohl wirklich nur noch Savas mitspielt – auch wenn ich mich immer gegen solche medienwirksame Phrasen gewehrt habe. Samy’s großer Vorteil ist nach wie vor dass er sich immer weiter verändern will und flexibel bleibt. Geschichten aus dem Alltags eines Rapstars („Komma Klar“) stehen ihm genauso gut wie seine sozialkritischen Betrachtungen („Alles bleibt anders“) oder seine geliebten Battle-Reime („Weiter“). Am Besten ist Samy nach wie vor wenn er sein Storytelling auspackt und die Hörerschaft auf eine Reise in seine Welt mitnimmt, wie er perfekt auf „Bis hierher“ um ein weiteres Mal macht. Willkommen zurück – Hamburg still bangin’.
Peter Hagen (Jazzriots)