Existe-t-il toujours le nouvel cercle français?
Als Ende der 90er Jahre eine Welle an neuen, elektronischen Strömungen von Paris aus, über die Welt schwappte – sprach man über all von dem ,,neuen, heissen Scheiss” namens ,,French House”.
In der Tat waren es Künstler wie Daft Punk, Etienne De Crecy, Kojac, Alex Gopher, Sebastien Leger, Bob Sinclair oder Stardust, die frischen Wind in die internationale House und Popszene brachten. Daft Punk stellen wohl das erfolgreichste Beispiel hierfür.
Philippe ‘Zdar’ Cerboneschi und Hubert ‘Boombass’ Blanc-Francard, zwei Pariser Produzenten, hatten sich selbst, schon Anfang der 90er Jahre, unter dem Namen ,,La Funk Mob” auf dem englischen Independent-Kult-Label ,,Mo’Wax” ein Denkmal gesetzt. Ihre Soundentwürfe für den international bekannte französischen Rap-Star MC Solaar waren genauso legendär wie ihre Arbeiten zu den Dance-Music-Meilensteine ,,Super Discount” und als Motorbass.
Alle diese Projekte der beiden Kreativköpfe zerrten von dem Ideenreichtum. Der Eine, Blanc-Francard, brachte die Komponente von (jazzigen) HipHop-Wurzeln mit. Der Andere, Cerboneschi, beherrschte das Ein-mal-Eins der House-Music in Perfektion. Als CASSIUS trug diese Verbindung dann ,,1999″ seine Früchte. Filter-House mit Acid-Anleihen und eine deftigen Portion Disco, bzw. Retro wie man heute auch gerne dazu sagt.
Diese Nähe zum Sound der 70er & 80er Jahre zeigte sich dann 2002 auf ihrem Zweitwerk ,,Au Reve”. Zwischen Synthi-Pop alla Air und Vocoder-Einlagen alla Roger Troutman (Zapp) konnten sie Disco-Diva Jocelyn Brown und Elektrofunker Leroy Burgess als Gastmusiker gewinnen. Jedoch hatte man den Standort ,,French (Filter) House” längst verlassen. Die experimentelle Electronika mit dem Zwang neue Fusionen mit Rock oder Acid zu vertiefen, kam nicht mehr so gut an – und man konnte nicht, bis auf wenige Ausnahmen, über Albumlänge überzeugen. Dies stellte, trotz des erneuten Daft Punk Boom’s um ihr Album ,,Discovery”, das Ende von French House da. Böse Zungen sprachen diesen Sommer auch gerne mal vom ,,Tod einer grossen Epoche” – als Bob Sinclair’s Stadion-Pop-Hymne ,,Love Generation” um die Welt ging und Filter-House mit eine ganz gehörigen Ohrwurmportion POP ersetzte.
Aber wo stehen die Jungs von Cassius 2006? Nach dem finanziell gefloppten ,,Au Reve” konnte sie den Hype um ,,French House” auch nicht hochhalten. Aber sie hatten weiter ihre Vorstellungen, wie ,,Dance-Music” aus Frankreich klingen soll. Und das war auch der Ausgangspunkt von ,,15 again”.
So ist ,,This Song” wesentlich näher an der Soft Cell’s ,,Tainted Love” – als an Daft Punk’s ,,One more time”. Und mit Beträge wie ,,Eye Water” mit einem gut aufgelegten Pharell Williams dringen Cassius in den Dance-Music-Himmel ein, wo P.Diddy gerne wäre bzw. hinkommen wollte. Mit einem bunten Mix aus den Einflüsse: Indy-Rock (,,Toop Toop”), Dancehall (,,See me now”)…. die Liebe zum fetten Acid-Lines darf man dann auf ,,Jackrock” geniessen – was bei dem Album den Charakter von Tunes für eine Grossraumdisko mit einfließen lässt. ,,Cactus” sticht dann in einem (minimal)-House Gewand in die selbe Kerbe. ,,Cria Cuveros” zeigt am Schluss des abwechslungsreichen Albums die Affinität zu experimentellen, jazz-verwurzelten Sounds. Hier wird ,,funky” ein weiteres Mal neu definiert. Schräg und erquickend – wie alle der 12 Song. Und wenn hier auch schon der Albumtitel ,,15 again” ein Wink mit dem Zaunpfahl hätte werden sollen ist es doch viel mehr als ,,nur” der Hauch von ,,retro”.
Peter Hagen (Jazzriots)