Nein, Jazz ist nicht einfach nur das „Gedudel“ das in verrauchten Studentenkellern als Beschallung zu Rotwein und intellektuellen Weltverbesserungsgesprächen läuft. Für viele Menschen ist Jazz leider immer noch mit diesen Klischees behaftet. Der Reichtum und die Vielfalt, die der Jazz Inne hat, werden dabei genauso ignorant ausgeblendet wie der Fakt, dass Jazz sich immer noch so anhört wie zu seiner Entstehungszeit. Jazz ist auch Musik zum Tanzen. Diesem Auftrag sind in den 80ern schon DJs wie Russ Dewberry oder Gilles Peterson gefolgt. Ihre „Allnighter“ bzw. Clubnights haben den Begriff des „Dancefloorjazz“ geprägt. Jazz für die Tanzfläche. Ein ansteckender Groove, bei dessen näherer Betrachtung man oft erstaunt feststellen muss, dass er von allgemein gehypten Afrobeat oder Funk gar nicht soweit entfernt. Insider lachen verständlich über die Formulierung, ist sie jedoch von Nöten, weil jeder Einsteiger Orientierungsfelder und etwas Aufklärung braucht. Es lohnt sich. Weltweit gibt es immer wieder Perlen an jazzigen Grooves, die unter dem Familienschirm „Jazz“ stehen, sich jedoch einen ganz eigenen Weg nach draußen suchen bzw. Jazz als Ausgangspunkt behalten.
Die Finnen haben so ein Paradebeispiel dafür parat, welches völlig zu Recht mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft wird. Das Five Corner Quintett aus Helsinki bringen einen ganz speziellen Groove in ihre Definition von Jazz. Gerade die britische Presse scheint einen neuen Liebling gefunden zu haben – ja fast einen Narren an ihnen gefressen zu haben. Seit dem Debüt „Chasin’ the jazz gone by“ aus dem Jahre 2005 ist die finnische Combo der heisse Scheiss – was sie live weltweit auch immer wieder und unaufhörlich unter Beweiss stellen.
Auf ihrem neuen Werk führen sie fort, was sie vor fünf Jahren mit den Dancefloorjazz-Classics „Trading eights“ oder „Different corners“ begannen: Sie spielen wie vom Teufel verfolgt neuen und dynamische Versionen von Jazz, der sich sehr gerne an den freigeistigen 60ern orientiert, jedoch nie versucht zu kopieren. Die kreative Eigenkraft, analog zu Nicola Conte, birgt hier die wahre Pracht ihrer Fähigkeiten. Dahinter stehen natürlich hochtalentierte Musiker wie Timo Lassy (U-Street Allstars), Teppo Mäkynen (Teddy Rok Seven) oder Trompeter Jukka Eskola, die alle schon auf Solopfaden erfolgreich gewandelt sind – man aber ihre wahre Brillanz nur auf dem gemeinsamen Projekt wahrnehmen wird. Der zweite Longplayer beinhaltet Stücke zur Tanzflächenfütterung wie „Shake it“, „Easy Diggin“ oder „Hot Rod“ – es kann aber gerne mal etwas ruhiger sein wie „Kerouac Days in Montana“ wo der flotte Fünfer auf Crooner Mark Murphy trifft.
Die CD und das Download erschienen bereits im November 2008. Das Vinyl ist jetzt erhältlich.
Peter Hagen