Nicht immer freut man sich über das Comeback eines Künstlers. Manchmal ist man ganz froh, dass die Erinnerungen an längst verschollen geglaubte Musiker verblassen. Auf der anderen Seite steht ein gelegentliches „was macht eigentlich?“ und wartet auf neue hörbare Lebenszeichen. Und dann freut man sich, wenn nach elf Jahren einer ins Musikgeschäft zurücklehrt. So wie Herwig Mitteregger mit seinem aktuellen Album „Insolito“ (spanisch für ungewöhnlich). Die Vergangenheit im Rampenlicht ist bekannt – Schlagzeuger bei Nina Hagen und Spliff, danach erfolgreiche Solo-Karriere – und die Vergangenheit im Schatten der spanischen Sonne gehörte der Familienplanung.
Die Gegenwart gehört den 13 neuen Songs, die Mitteregger fast alleine eingespielt hat und auf seinem eigenen Label veröffentlicht. Er startet in der Tat ungewöhnlich mit dem tiefgängigen 6-Minuten-Titel „Schiff“, der musikalisch an die 80er Jahre erinnert. Aber ein gestandener Musiker wie HM hat natürlich mehr zu bieten und kommt mit Trip-Pop um die Ecke, zu dem die Texte eindringlich geflüstert werden („Lass dir nix erzähln“ und „Segeln im Regen“). Der eingängige Pop-Song („Leicht“) fehlt genauso wenig wie berührende Klavierballaden oder Rocksongs, gerne auch mal mit karibischen Percussions und Klavier kombiniert („Glückskind“). Am Ende wird’s gar etwas jazzig („Bis später“). Herwig Mitteregger beweist auch mal Mut zur Selbstironie und traut sich dann doch nicht an das Wort „Großmeister“ ran, das zum „Chrosmaeister“ wird. Dennoch: Eine der schönsten deutschsprachigen Balladen der letzten Zeit ist „Wenn Du hier wärst“, die in allen Facetten an den großen Rio Reiser heranreicht. Gerade Mittereggers besondere, unverkennbare Stimme ist hier endlich mal schön im Vordergrund und wird nicht von den anderen Instrumenten verschluckt.
„Insolito“ ist ein abwechslungsreiches, ehrliches und emotionales Album, dass wunderbar in unsere Zeit passt und Kraft gibt für die Zukunft.
Regina Sommerfeld