Wenn sich Deutschrap auf seine verloren geglaubten Stärken besinnt, wird es endlich wieder interessant. So geschehen auf „Segen und Fluch“ – dem neuen Album von dem Duo Köln / Düsseldorf. Liebe, Hass, Trauer, Angst und Wut liegen oft nah bei einander und haben mit dem wirklichen Leben zu tun. Darauf baut alles auf dieser Scheibe auf. Das Herz der Scheibe ist die Geschichte, bzw. das klassische Storytelling. Zitate und Referenzen gibt es hier in Hülle und Fülle und zeigen ein direkte Richtung Herkunft und Verbundenheit auf. Wo bei „Just a dream“ die Vocals von Common, Mobb Deep und natürlich Biggie Smallz gecuttet werden, spielt man in alter Dendemann-Rabauke-Manier mit den Vocalfetzen von Savas & Curse auf „Lang genug gewartet“. Hier fehlt es nicht an Kulturverbundenheit und der Liebe zum Spiel. Das ist natürlich nicht genug um ein wirklich dopes Album abzuliefern. Vielmehr zeigt sich bei dem Zweierteam aus dem Rheinland, dass man Geschichten aus dem Leben in seinen Texten immer noch am besten verpacken kann. Das ist sicherlich der größte Pulspunkt dieser umfangreichen Songauswahl. Die Zeit der Gangsterraps und den zu oft schlecht präsentierten und wenig authentischen Scarface-Phantasien eines hormongeschwängerten Fokuhila-Hustlers aus einem Mittelstandshinterhof irgendwo zwischen Buxtehude, Basel und Berlin will 2010 wirklich auch keine hören. Und dieser Trend setzt sich nach kraftvollen Songs von Leuten wie Rey’n’ Kernnation (Mönchengladbach) oder Black Market (Duisburg) auch weiter fort. Es geht wieder um Lyrics und deepe Sounds – und es ist mit jeder Zeile zu hören, dass diese MCs keinen Kompromiss zum Kommerz machen wollen. Offensichtlich sind diese Songs von vergessenen Szeneaktivisten wie RAG, STF oder ASB inspiriert. Hier bekommt eine brachiale Ladung an Rap-Skills sehr viel Raum in der dunklen Grundatmosphäre aus Pianoloops und Samples, die vor Melancholie nur so strotzen. Funky Stuff oder Reggae-affine Sounds sind nicht die Baustellen dieser beiden. Seit die beiden auf Roy Marquis „Momentaufnahme 3“ auf sich aufmerksam machen konnten haben sie in den letzten 4 Jahren weiter an sich gearbeitet. “Segen und Fluch” bietet 22 Tracks mit einer Spiellänge von 77 Minuten. Dem jedoch nicht genug. Auf der 2. CD findet man zusätzlich Exklusives und Remixversionen. Neben den befreundeten Künstlern wie Nazz-N-Tide, Donato, Sokom, Revilo und Sinuhe findet man auch bisher weniger bekannte Künstlern wie Zaehre, Brahim, Soundbwoy Boogie und Wuakyla freuen. Mit “Berg und Talfahrt” gibt es noch eine Backpfeife an alle Copycats und unkreativen Künstler, wie man es schon eine Weile nicht gehört hat. Don’t call it underground – das ist pure Rapmusic.
Peter Hagen
PS: Danke an Schwendo für den Tipp!