Review

Jazzanova: Of all the things

Jazzanova: Of all the things

Nun ist es schon wieder sechs Jahre her als das Berliner DJ & Produzenten-Kollektiv Jazzanova mit ihrem Debüt „In Between“ ihre Sicht von Musik zwischen Club und Cafe abgegeben haben. Das Dazwischen war schon immer der ganz spezielle Schwerpunkt in der Musik von Jazzanova. Sie haben es ganz dem eklektischen Ethos geschafft, Berlin als eine der weltweiten Knotenpunkte zu etablieren, die es immer wieder schaffen sich neu zu orientieren und weiter an ihren musikalischen Kaleidoskopen zu feilen. Die dazugehörige Philosophie für ihr eigenes Label (Sonar Kollektiv) und die dort betreuten Künstlern findet seit Jahren immer wieder eine immer mehr wachsende Fangemeinde weltweit. Jazz sehen sie hier als einen alles verbindenden Ausgangspunkt – der Puristen vielleicht ein Kraus sein mag, jedoch immer in seiner Mitte viel Seele und Kreativität hat. Darum ging es diesen sechs Musikverrückten schon immer. Sie wollen und werden sich weiterhin nicht in eine Ecke stellen lassen – auch wenn die Mainstreampresse ihnen immer wieder dieses „Lounge“- Image anhängen mag, weil sie mit ihren Mixturen aus Brazil und House den NuJazz Mitte der 90er Jahre mit vorantrieben. Die Freiheit und Vielfalt, die anfangs ihre DJ-Sets dominierten und weltweit so berühmt machte, haben sie sich immer wieder erhalten. Ob sie in ihren Remixen den Detroit-Techno (Outlines), die westlondonensche Broken Beats (Mr.Scruff) frönten oder der mexikanischen Rockcombo Calexico ein neues Soundgewand voller dunkler Schönheit verpassten – die schafften es immer wieder Wände einzureisen.

Wandelten sie auf ihrem Erstwerk noch stark zwischen zeitgenössischen Jazzexkursionen zwischen gebrochenen Beats und housigen Beats, die auf Sampling basierten – kommt es nun zu einer weiteren Veränderung in ihrem Sound auf dem zweiten Werk „Of all the things“. Allein die Beats kommen noch aus der Konserve bzw. dem Computer – der Rest ist komplett live eingespielt. Die 12 Songs sind stark am klassischen Songwriting orientiert und wirken, wie auch das Vorgängeralbum, sehr organisch. Ist das die unverkennbare Soundsignatur von Jazzanova? Das ultrastarke Branding, für das sie seit Jahren nun stehen? Teilweise bestimmt und logischerweise sofort zu hören. Jedoch gibt es einen so markanten Schub in Richtung klassischem Soulmaterial, dass sich der einen oder andere Rare Groove – Fan an den musikalischen Referenzen auch bei zehnten Mal nicht satt gehört haben wird. Mit diesem Schwerpunktwechsel bringen sie nicht nur die Option auf eine starke Bühnenliveumsetzung mit, sondern folgen wohl ganz unbewusst einem Trend, dass authentische Soulfreshness wieder gehört wird und als massiver Gegenpol zum Charts dominierenden Plastikpop und Synthie-HipHop verstanden werden darf. Abgesehen davon, dass sie mit „Of all the things“ eines der wichtigsten und spannensten Alben des Jahres veröffentlicht haben, sind sie nicht unbedingt einen ihnen völlig fremden, neuen Weg gegangen. Sie sind sich treu geblieben. Man darf ihnen wirklich nur gratulieren wenn man das reichhaltige Werk hört. Sie haben wirkliche alle Möglichkeiten ausgelotet und ein großartiges Stück Musik geschaffen dass so viele verschiedene Musikstile und Einflüsse auf einen Nenner zu bringen. Detroits Nachwuchsgoldkehlchen Paul Randolph, Gilles Peterson’s Entdeckung Ben Westbeech, US-Legende Leon Ware, Nachwuchscrooner Dwele, Joe Dukie von der Neuseeländische Reggaekombo Fat Freddy’s Drop, Brasiliens Nachwuchsstar Marcos Valle und der neue Brownswoods-Hero Jose James bringen mit ihren Gesangseinlagen den kongenialen Zusatz. Dazu gesellt sich der MC Phonte vom Independent-HipHop-Duo Little Brother aus North Carolina.

Neben euphorischen Tanzflächensoulhymnen(„Let me show ya“; „I can see“) gibt eine Intensivkur an Singer&Songerwriter-Musik die irgendwo zwischen Tom Waits („Little Bird“) und den Beatles („Lie“) sowie klassischen HipHop („So far from home“) und wunderschönen Brazil („Lucky Girl“; „Gafiera“) nicht nur Nerds und Insider ansprechen wird. Die Platten schafft es durchweg Wärme und Detailverliebtheit zu transporten. J-Nova, ihr habt Euer Ziel erreicht. Eine großartige Scheibe.

Peter Hagen

Veröffentlicht am

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Connect with Facebook

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>