Review

Jazzanova – The Pool

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Review:

Bis heute ist es für Musikliebhaber und Jazzanova-Fans nicht erklärbar, dass ihr zweites, großartiges Album “Of all the things” nicht so viele Menschen erreicht hat. Dabei hatte man ungeplant alles richtig gemacht. Die Welt feierte gerade moderne Soul-Interpretationen zwischen Mark Ronson, Amy Winehouse, Aloe Blacc, Duffy, Adele uvm. und das zweite Werk der Berliner stach primär in diese Blase. Da hörte man danach Meinungen wie “Nischenproduzenten mit Weltniveau” oder “Musik, die leider immer noch nur für einen kleinen elitären Kreis an Menschen mit Geschmack produziert wurde”. Gut, dass das umtriebige Kollektiv aus der Hauptstadt dieser Dramaturgie nicht erlag und weiter machte. Denn, wer sich seit 1997 mit ihrer umschweifenden Kunst beschäftigt, weiss dass die Jungs immer an neuen Ideen basteln und immer spannende Musik liefern. Immer. Und um im Nachhinein dem schändlich unbeachteten 2. Album noch einmal nachzublicken: “Litte Bird” mit Jose James, gehört zu den schönstens Songs dieses Jahrtausends.

Das seit gut 20 Jahren weltweit gefeierte Musikerkollektiv Jazzanova schlägt 10 Jahre nach ihrem letzten Studioalbum mit „The Pool“ ein neues Kapitel in ihrer faszinierenden Geschichte auf. Das neue Album ist eine einzigartige Kombination von Neo-Soul, Jazz und Pop-Songwriting, verbunden mit einem besonderen Talent für Sampling sowie instrumentalen Fertigkeiten. Es fließt organisch von einem Track zum nächsten und vermischt dabei synthetisierte Sounds, Samples und akustische Instrumente zu einem fesselnden Gesamtwerk. Wie immer gibt es auch wieder eine beeindruckende Auswahl an Kollaborateuren – und jeder Sänger oder Rapper bringt seine ganz eigene Note in das Werk ein.

Überrascht hat die Vereinigung von Vinyl-Heads und Soundtüftler schon immer. Ihre zwei Remix-Compilations dokumentierten das in der Vergangenheit imponierend. Nur wenige Musiker und Produzenten weltweit können auf so ein Reportoir und solche Connections blicken.

Nun hat das Warten ein Ende. Das 3. Album erscheint am 29.06.2018 über das eigene Imprint SONAR KOLLEKTIV. Für viele Fans anderer Musiker wäre es irritierend, wenn es zehn Jahre keine Langrille geben würde – nicht so bei Jazzanova – denn der ständige Zustand des Werdens ist quasi DNA dieses außergewöhnlichen Ensembles. Vom ersten Moment an, als sich das Kollektiv 1995 als DJ-Gruppe gründete, gab es keine Blaupause für das, was Jazzanova einmal sein sollte. Und in jeder Phase der Entwicklung hat sich die Gruppe ein Stück weit wieder neu erfunden. Jazzanova hat sich nie an eine bestimmte Szene oder einen bestimmten Sound gehalten, hat nie eine bestimmte Technik oder ein bestimmtes Format verfolgt. Sondern war ein DJ-Kollektiv, ein Produktions-Gespann, ein Remix-Team, Radio-Host und -Moderator, Labelbesitzer und Kurator. Stets mit einem Fuß in der Clubkultur und mit dem anderen in der Live-Arena: dem Ort, an dem Jazzanova in den letzten zehn Jahren am aktivsten war. All diese kreativen Strömungen sprudelten in den letzten zwei Jahrzehnten unentwegt – und fließen nun auf ganz natürliche Weise in die musikalischen Verästelungen von The Pool, ihrem bisher reifsten und faszinierendsten Album.

Als sich das Team um Alex Barck, Claas Brieler, Axel Reinemer, Jürgen von Knoblauch und Stefan Leisering zum ersten Mal traf, waren sie alle tief in einer Clubszene verwurzelt, die sich – wie Stefan es ausdrückt – um „Funk, Jazz, Disco, Latin…. alles Mögliche – aber meist um alte Platten“ drehte. Ihr erster Anstoß, zusammen ins Studio zu gehen, war einfach „etwas Neues zu haben, um in DJ-Sets zusammen die alten Sachen zu spielen“. Es dauerte eine Weile, bis sie Fuß gefasst hatten. Aber als “Fedime’s Flight”, ihre selbstveröffentlichte Mischung aus brasilianischem Shuffle und kosmischen Soul-Akkorden, 1997 unter DJs in Umlauf kam, beschleunigte sich der Erfolg plötzlich rasant. Zusammen mit Michael Reinboth’s Compost Label aus München – damals bereits fest etabliert und mit seinen Future Sound of Jazz Compilations international sehr erfolgreich – gründeten sie JCR (Jazzanova Compost Records) und begannen 1998 mit zwei Jazzanova EPs ihre rege musikalische Aktivität.

In den ersten Jahren explodierte das Interesse für die Berliner – besonders als Freestyle-DJs wurden sie weltweit gebucht. Die so oft von Gleichgesinnten wie Gilles Peterson beschworene Eklektik, das Zusammenführen von alten und neuen musikalischen Vibes, perfektionierten Jazzanova. Perth, Kyoto, London, Philly, Stockholm, Rio, Singapur…es gab in den Anfangsjahren kaum einen Punkt auf der Erde, an dem die Jungs nicht gespielt haben. Hier entstanden Connections, Austausch und Freundschaften. Kontinuierlich entstanden Remixes und neue Sounds. Man war inspiriert von House/Techno (Ame, Dixon), Broken Beats (Bugz in the Attic), NuJazz (Trüby, Reinboth, KJM), Reggae/Dub (Fat Freddys Drop) und gestaltete mit. Früh hatte die Gemeinschaft ein starkes Branding. Dies alles führte 2002 zu ihrem Debütalbum “In Between” – einer glorreichen Mischung aus radikalen Experimenten und klassizistischen Klängen, mit einem beachtlichen Kreis an Gast-Sängern und Instrumentalisten. Für andere wäre das erste Album das zentrale Ding. Für die Jungs von Jazzanova war es nur ein weiteres Element neben Remixen, Kuratoren-Tätigkeiten, DJing und den zunehmend elaborierten Schritten, ihre Kompositionen auch live vor Publikum anspruchsvoll zu präsentieren.

Nun gab es in den letzten zehn Jahren wieder viele unterschiedliche Aktivitäten des Kollektives. Man baute ein neues Studio, installierte nach dem Gilles Peterson-Vorbild eine Worldwide-Radio-Broadcast und eine Plattform für musikalischen Austausch. Immernoch gibt es reichlich DJ-Sets auf der ganzen Welt und man tourte mit dem Detroiter Soul-Cronner Paul Randoph. Es ist immer noch in der Mitte Jazz und Soul – aber es wäre nicht Jazzanova, wenn man sich nicht immer weiter entwickeln würde und weitere Einflüße einflechten würde. Das neue Werk weist eine Vielzahl hochtalentierter Mitstreiter auf – darunter Jamie Cullum, Ben Westbeech, Pete Josef, Rachel Sermanni, Olivier St. Louis, Paul Randolph, Charlotte OC. Sie alle bringen ihre ganz eigenen, unverwechselbaren Einflüsse mit, bewahren aber dennoch auch ein tiefes Gespür für die musikalische Identität von Jazzanova – diese einzigartige Kombination von Neo-Soul, Jazz und Pop-Songwriting, verbunden mit einem besonderen Talent für Sampling sowie instrumentalen Fertigkeiten von Synthie bis Klavier, von Vibraphon, Posaune und Flügelhorn bis Gitarre. So “Sincere” funkt im Nile Rogers-Vibe, “No.9″ ist Future-R’n'B par exellence bis mit “Heatwave” eine unfassbare, epische Nummer in der Mitte des Album auftaucht, auf der technoide Synthiefläche auf warme Soulvibes und funkige Drums treffen. “It’s beautiful” flechtet genau diesen Soundteppich weiter und mutiert zu einem großen, wabbernden Tanzflächenmoment. Bei “Everything I wanted” kann man förmlich spüren welche Tanzflächen-Hymne da als Remix folgen wird – was man bei “In Between” ja schon hatte. Wenn am Ende dieses Meisterwerks dann der alte Bekannte Ben Westbeech auf einem Blue-Eyed-Soul-Tune das gute Leben besingt -> ist alles gut.

Text: Peter Parker

Das Album “The Pool” erscheint am 29.06.2018 über Sonar Kollektiv als CD / Digital / Vinyl


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