Review

Mathias Kilian Hanf: Detroit Techno: Transfer of the Soul through the Machine [Taschenbuch]

Mathias Kilian Hanf: Detroit Techno: Transfer of the Soul through the Machine [Taschenbuch]

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Detroit – die Industriestadt in Michigan nahe Kanada steht und fällt mit der dort angesiedelten Autoindustrie. Die Wirtschaftskrise hat erst letztes Jahr wieder gezeigt wie wichtig „Motorcity“ für die Amerikaner ist und welches Schicksalspotential es für viele Bürger in der Region Wayne Country birgt. Wie die Region leidet unter der Rezession und dem bröckelnden Ruhm alter Tage kann man regelmäßig in den Medien verfolgen.

Detroit steht musikhistorisch zu aller erst natürlich für den Soul von Motown Records, welches durch Berry Gordy Jr.als Tamala Records 1959 gegründet wurde und einen unglaublichen Einfluss auf die Pop-Geschichte hatte. Der Motown-Sound bewegte vor allem in den 1960ern die Welt und trug den typischen, oft glatt polierten Soul von Marvin Gaye, Diana Ross, The Temptations, Little Stevie Wonder oder The Marvelettes. Bis Anfang der 1970er Jahren eroberte man die Charts weltweit und wurde zu einem Popphänomen, das den klassischen, schwarzen Rhythm’n’Blues, den Gospel und letztlich den Soul zu einer massentauglichen Formel ausbaute. In den zwei folgenden Jahrzehnten brachte man zwar die Jacksons Five, Rick James und die Commondores erfolgreich raus, verlor aber, verglichen zu den 1960er Aufnahmen an Bedeutung. Heute hört man aus Detroit nicht mehr viel, was Soul angeht. Die Reanimationen des Labels und deren Status in den 1990er Jahre durch Künstler wie Boyz II Men oder Brian McKnight brachten zwar kommerziellen Erfolg, jedoch nicht wieder die Präsenz der Vergangenheit, von der man heute noch lebt und zerrt.

Es folgten Jahre in der die Welt nicht mehr oder nur noch in Insiderkreisen von Detroit sprach, wenn es um Musik ging. Diese Jahre haben oft die Oberfläche und die breite Masse, sowie die Diskussion in den Medien nicht erreicht. Es bildete sich dort eine Untergrundkultur aus der innovative, elektronische Musik entstand. Parallel zu den auslaufenden Ruhmes-Tages von Motown entstand etwas Einzigartiges aus den Einflüssen P-Funk (George Clinton), europäischen Synthies & Elektropionierarbeiten (Kraftwerk), Industrial (Kunst & Musik), Alvin Toffler (Science Fiction Literatur) sowie die sozialkritischen Ansätze der Frankfurter Schule um Horkheimer. Detroit Techno wurde bisher auf seine musikalische Rebellion reduziert, aber steckt viel mehr dahinter. Diese Musik entspricht einem Gesamtkunstwerk, welches sich gegen sozialen Ungerechtigkeiten und gesellschaftliche Umwälzungen wehrt. Diese Musik war ein Protest gegen die Inhumanität und eine Warnung vor noch einer dunkleren Zukunft – und zugleich ein Soundtrack zu dieser Vision. Bis heute sprechen Experten und Liebhaber von der größten Revolution des Genres. „Detroit Techno“, das eigentlich nie wirklich gehuldigt wurde.

Der Journalist Mathias Kilian Hanf, aufgewachsen in Kolumbien und Deutschland, will mit seiner intensiven und sehr wissenschaftlichen Studie die musikalischen, sozialen und gesellschaftlichen Einflüsse erklären und aufzeigen wie es zu dieser Revolution kam, von der heute noch viele Produzenten, Musiker und Künstler zehren. Dabei ist das Ziel des Autors deutlich: Er will Anerkennung für dieses Subgenre, dass für so große Inspiration und Courage steht.

Man darf sich nur wünschen, dass Hanf diese Studien weiterführt und in einem weiteren Teil auf die Relevanz und Innovation des Detroit’schen HipHop um den verblichenen Großmeister James Yancey (J Dilla) und seine Nachkommen (Black Milk) eingeht. Sie hätten es auch verdient. Abgesehen davon, weiß man von Dilla, dass auch er seine Horizonte durch die Visionen von Juan Atkins, Derrick May, Kevin Saunderson, Robert Hood, UR, Cybotron, Carl Craig, KDJ oder Theo Parrish erweitert hat.

Peter Hagen


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