Cover-Versionen waren, sind und bleiben ein ganz schwieriges Thema. Künstler haben ihren Spaß und Rezensenten ihren Wahn. Darf man das gut finden? Wie begründet man sein Urteil? Soll das Original nur durchschimmern oder muss es sofort erkennbar sein? Sind gewagte Neuinterpretationen reine Eigenständigkeit oder Kunstfälschung? Fragen ohne Antworten.
Die junge Schauspielerin Nadine Germann traut sich was: Ihr Debütalbum “Samstagnachmittag” beinhaltet elf Songs von Ton Steine Scherben und Rio Reiser. Klassiker, die durch den ausdrucksstarken Gesang Reisers und seiner einzigartigen Stimmfärbung geprägt sind – eingebrannt in die deutsche Musikgeschichte. Doch sie hat einen ganz persönlichen Bezug zu dieser Geschichte, denn Nadine Germann ist die Nichte des begnadeten Scherben-Gitarristen R.P.S. Lanrue, der bis zum Schluss mit Rio Reiser in Nordfriesland lebte, wo Nadine als Kind herumtobte.
Mit Hilfe von Lanrue (Gitarre) sowie Daddy Deep (Kontrabass) und Leo Harris (Schlagzeug) hat sie Songs aufgenommen, die ihr selbst viel bedeuten. Ihr Stimme, vom Theaterunterricht geschult, hat Volumen und Wärme. Sie ist die Protagonistin des Albums, steht fast alleine auf der imaginären Bühne und bekommt genug akustischen Raum zur Entfaltung. Sie adaptiert die Polit-Songs aus den 70ern und die Balladen aus den 90ern in soulig-jazzige Bereiche, was mal sehr gut funktioniert (“Samstagnachmittag / Durch die Wüste”) und mal eher nicht (“Rauch-Haus-Song”). Wenn Melodien gebrochen werden und der Gesang allzu theatralisch wirkt – wie etwa bei “Eislied” oder “S’is eben so” – dann vermag das Ergebnis nur zu begeistern sofern man die ursprünglichen Fassungen nicht kennt. Einzig “Jenseits von Eden” bleibt in der Germann-Version relativ nah am Original, hat den richtigen Beat und eine tolle E-Gitarre.
Nadine Germann bewundert die Authentizität von Rio Reiser und kann diese als Schauspielerin leider nicht nachspielen geschweige denn ehrlich vermitteln. Sie bleibt hübsch anzuschauen und durchaus auch anzuhören. Es wäre schön, wenn es ihr Verdienst sein könnte, Rios großartige, zeitlose Songs in anderen Genres bekannter zu machen.
Regina Sommerfeld