KOSHER NOSTRA, der Name lässt schon aufhorchen. Der Frankfurter Balkan & Globalbeat-Aktivist SHANTEL hat sich mit österreichischen Künstler und Wiener Kurator Oz Almong zusammengetan um sich einem ganz speziellen musikalischen Feld zu näheren: Dem jüdischen Beitrag zum organisierten Verbrechen.
Was man aus Filmen wie „Billy Bathgate“, „Es war ein mal in New York“ oder der ganz neuen, sehr erfolgreichen TV-Serie Boardwalk Empire“ kennt, ist historisch nie wirklich belegt bzw. wissenschaftlich 100% kritisch bearbeitet und swingt oft zwischen Folklore, Romantik und Klischees. Der Mythos, vor allem die aus Sizilien stammenden Gangster haben das Kind in der Unterwelt geschaukelt stimmt natürlich auch nur bedingt und bediente den Fantasie der Zuschauer am schönsten. Der jüdische Betrag zur Cosa Nostra wurde oft unter den Teppich gekehrt. Meyer Lansky, Bugsy Siegel, Dutch Schultz oder Louis Lepke waren Hauptfiguren in Nebendarstellerrollen mit jüdischen Wurzeln.
Oz Amon widmete dem Thema eine viel beachtete Ausstellung, die neben seinen Gemälden auch Polizeifotos, Tatortskizzen, Zeitungsartikel und die Biographien der Gangster in einer viel beachteten Installation zusammenbrachte.
So entstand eine faszinierende Zeitreise in ein sagenumworbenes Milieu der Kasinos, Prohibition, Bordellen, Billardkneipen, Musikklubs, Revuetheater, Shows und verrauchten Jazzclubs. Shantel fragte sich, welchen Einfluß die Mafia mit ihrem Geld und ihren unterschiedlichen Geschmäckern auf die Musik hatte? Weiß man doch eigentlich nur von ein paar vereinzelnden schmierigen Italo-Sängern (neben Frank Sinatra) die mit der Mafia in Kontakt standen, ja sogar durch sie gefördert wurden – nicht nur um Geld zu waschen.
Shantel machte daran, die bewundernswerte Melange von Stilen zwischen den 1920ern und 1960ern zu recherchieren und zu untersuchen welchen Einfluß diese auf die amerikanische Musikkultur hatte.
Erstaunliches kam dabei zu Tage: Schlagerstar Connie Francis nahm ein ganzes Album mit jiddischen Liedern auf. Tom „Tiger“ Jones widmete mehrere Songs seine jiddischen Mama. Musikalische Entwicklungen sind hier zu beobachten. In Melting Pot zwischen Chicago, Detroit und New York mischten sich jiddischen Klezmer mit afroamerikanischen Jazz. Jiddische Songs wanderten als Gegenkultur zu den antisemitischen Tendenzen in Europa in die Mehrheitskultur ein und wurden teilweise von dort aus weltweit bekannt. Abe Ellstein, Benny Goodman, Dave Tarras, Sophie Tucker oder Aaron Lebedeff konnte das enge ethnische Korsett lockern und kreativ vor allem im Swing neue Formen bilden. Man geht hier auf dieser vorzüglichen Compilation sogar soweit, dass man von einer Parallelgesellschaft aus verschiedenen ethnischen Szenen spricht, die das Interesse und die Neugier der Öffentlichkeit an „exotischen“ Vorschlägen genährt hatte. Besonders bei Tracks wie „Hava Nagila“ von Solomon Schwartz etson Orchestra oder Wilmoth Houdini’s „Black But Sweet“ (an dessen Melodie Shantel seine Bucovina-Hymne angelehnt hat!) hört man den ganz eigenen Charakter dieser Zeit und dieser Musik.
Zu der CD gibt ein fettes Booklet mit sehr schönen Illustrationen und Texten zum Thema von Oz Almong.
Falls das alles mal von Herrn Shantel geremixed wird, kann das sehr groß für die Tanzfläche werden. Kollegen wie Dunkelbunt, DelaDap oder Parov Stelar nehmen solche Aufträge bestimmt gerne an. Bis dato ist das hier der perfekt Soundtrack für eine Pokernacht in einem verrauchten Keller.
Text: Peter Hagen
Bei all den guten Electro Swing Releases zur Zeit finde ich das hier auch sehr interessant…