Es gibt wenige die sich auf die Fahne schreiben können, sie seien eine maßgebliche, treibende Kraft bzw. Erschaffer des Neo-Soul-Movements gewesen. Raphael Saadiq, Baujahr 1966, hatte als Kind früh seine musikalische Sozialisation durch mit Blues, Gospel und Soul durch seine Eltern. Später beeinflussten und faszinierten ihn Jazz, Funk und auch den in den 80er aufstrebenden HipHop. Genau dort, Anfang der schrillen 80s bekommt der Musikverrückte die Möglichkeit mit Prince und Sheila E. als Bassmann auf Tournee zu gehen. Das prägte ihn so, dass er sich fortan auf alle Spielereien „schwarzer Musik“ einlassen wollte.
Anfang der 90er hatte Saadiq mit der Gruppe Toni! Tony! Tone! noch seinen Teil für die aufkeimenden neue Version des R’n’B im Pop beigetragen konnte er sich schon bald als Musiker, Komponist, Songwriter, Produzent und Sänger auf einem ganz andere Level etablieren. Schon seine Übergangsphase 1999 mit Dawn Robinson (EnVogue) und Ali Muhammad (A Tribe Called Quest) als Lucy Pearls zeigten sein riesiges Potential und seinen Hang zur tief im Soul verwurzelten Musik zu machen. Damals noch mit der weltweit explodierten HipHop-Standard-Komponente im Rücken, konnte er sich immer mehr lösen von Erwartungshaltungen und Branchenerfolgsformeln. Kurz danach gab er dem Sexappael des Crooners D’Angel mit „Lady“ den musikalischen Anstoß für die fortan laufende NeoSoul-Bewegung. Wichtige Produktionen für dieses gefeierte Subgenre u.a. für Erykah Badu, Angie Stone, John Legend und deren Dunstkreis (Q-Tip, The Roots) folgten ebenso wie Kompositionen für HipHop-Künstler wie Snoop Dogg oder Luniz. Nebenbei brachte er zwischenzeitlich sogar mal wieder die Isley Brother zurück ins Rampenlicht. Inzwischen haben auch Mainstream relevante Künstler wie Whitney Housten, Kelis, Macy Gray oder Joss Stone bei ihm den charismatischen Rhythm’n’Blues bestellt. Ein Erfolgstory seit nunmehr 15 Jahren.
Der Musiker und Solokünstler Raphael Saadiq an sich, war bei alle den Erfolgen immer etwas im Hintergrund. Große Stars sprachen schon seit einiger Zeit überschwänglich von seinem unglaublichen Fingerspitzengefühl und Talent für gute Musik – jedoch meistens eben als Produzent. Immer wieder werden die Vergleiche mit Genregroßmeister wie Leroy Hudson oder Bobby Womack gemacht. Die Komponisten, Musiker und Sänger standen auch immer etwas im Schatten ihrer genialen, musikalischen Werke für andere Künstler. Wie bei Saadiq völlig zu unrecht. Er ist solo genauso ein etablierte und respektierter Künstler.
Auf seinem neuen Werk „The Way I See it“ reflektiert er nicht nur seine eigene musikalische Sozialisation, sondern auch seine Reisen und Tourneen. Auf der ganzen Welt ist das Interesse an Classic Soul Music gestiegen. Motown, Stax oder Philly – die Leute sehnen sich nach ehrlicher und authentischer Mucke. Mit der Zeit sind wohl viel Leute des Plastik-R’n’B aus der Hitmaschine müde geworden. Saadiq weiss hier eine Alternative anzubieten. Eine die sich genau an dem klassichen Soul und Funkmaterial der 60er und 70er Jahre orientiert. Der Multi-Instrumentalist weiß natürlich genau, dass man sich dort Inspirationen zu Genüge holen darf, die eigene Charakteristika jedoch nicht fehlen darf. Er schafft es jenen warmen Groove zu perfektionieren, den er schon auf „Instant Vintage“ und auf der letzten Joss Stone Produktionen in eine poppige Attitüde einwickeln konnte. Zwischen den genau gesetzten Drums, dem gewiss nötigen Strings & Bläsereinsätze schafft er ein imponierendes Soul-Update – mit dem, zumindest so, eigentlich niemand rechnen konnte.
Peter Hagen