Die größte Behinderung des gesellschaftlichen und individuellen Forschritts ist die Angst. Man könnte auch sagen, dass die Unsicherheit Neuem entgegnen zu können, weit verbreitet und eine Bremse ist. Ganz gut lässt sich diese Theorie auf Musik, genauer, auf Dancehall und Reggae in deutscher Sprache beziehen. Was war das bis vor zwei, drei Jahren noch für ein ungewohnter Vibe!? Jamaikanische Klänge und heimatliche Sprachgymnastik – es ist gerade mal über 10 Jahren her, da hätte keiner geglaubt, dass dieser neue Sound dem hiesigen HipHop den Rang ablaufen würde. Hätte man Dr. Ring Ding, D’Flame oder Jan Delay damals danach gefragt, ob sie sich jemals solche Dimensionen vorstellen könnten, hätte sie einem wohl eine Bier und ein Blunt gezahlt, weil sie es mehr als Kompliment, weniger als realistisch eingeordnet hätten.
2010 bedeutet vor allem dass nach den Pionieren eine Generation an Künstlern folgte, die den Weg weitergeführt und ausgebaut haben. Nosliw, Mono & Nikitamann, Ronny Trettmann oder Iriepathie gehören der Zunft die Reggae in seiner ganzen Vielfalt deutschsprachig nach vorne treiben. Wo man früher noch eine Vinyl-Single-Sammlung und exklusiv geschnittene Dubplates aufweisen musste, kann man heute durch die digitalen Dj-Systeme schneller und unkomplizierter DJ werden – so sprießen auch mehr und mehr aus dem Boden und mit ihnen die Dancehallparties. Eines der aktivsten Soundsystems der letzten Jahre heisst Buschwerk. Das Kollektiv hat vor allem im süddeutschen Raum ein tragende Rolle eingenommen und die Dancehall-Kultur bekannt gemacht. Inzwischen kann man sie bundesweit, sowie in der Schweiz und in Österreich hören.
Einer dieser Buschwerksoldaten ist Oliver Stenke, denn man besser unter seinem Alter-Ego Slona oder Slonesta kennt. Einst aus der 365 Crew im mittelbadischen Offenburg entsprungen, machte diesen Künstler schon immer aus, dass er Progression und Idealismus intus hatte. So iniziierte er schon vor Jahren Reggae-Dancehall-Parties in der Kneipe des Kutlurzentrums als noch niemand nur in Hotels übernachtete um an die weisen Handtücher zu kommen, die man zu wedeln auf der nächsten Baaadman-Session braucht. Dieser junge Mann mit dem Sound für das nächste Level liebte schon Patois-Sprachspielereien und Riddims als alle noch den Deutschrap auf seinem Zenit um die Jahrtausendwende feierten. Diese Zuneigung hat sich ausgezahlt. Buschwerk rollt durch Europa und Slonesta kann neben seiner DJ-Tätigkeit nun auch seine Raptalent unter Beweis stellen.
Mit dem Bayreuther MC Rojah des Hurricane Soundsystems bildet Slonesta nun das Rookieteam des Jahres – und das ist nach den ersten Hördurchläufen ihres ersten Albums nicht übertrieben. Zwei begnadeten MCs gehen mit erhobener Fahne für ihre Sache und ihren Sound voran und lassen alle Klischees die den Deutschrap so belasten locker und leicht hinter sich, dass man sich wirklich wundern muss, warum die Herren jetzt erst der breiten Öffentlichkeit angeboten werden. Und nein, sie springen nicht auf den Culcha Candela-Zug, nur um in die Charts zu kommen. Die beiden jungen Herren besitzen genug Charme und Charisma sowie Skillz um ihren ganz eigenen, individuellen Style dem Hörer zu vermitteln und stellen eine superbe Alternative zu Casting-Plastik-Puppen im DSDS-Universum da.
Auf 10 Tracks zeigen die beiden Rookies warum sie zu Recht in etablierten Printmedien und bei Kritikern als solche auch gehandelt und eingestuft werden. Alle Songs haben musikalisch hochwertige Produktionen zu bieten, die in der Tat eine internationale Konkurrenz nicht meiden muss – auch wenn es verwundert das Herr Slonesta hier so wenig von seinem exquisiten eigenen Material zurück hält, das man in Insiderkreisen sehr schätzt. So kommen die Riddims und Beats zwischen Roots-Reggae und clubbigem, tanzbarem Dancehall von Teka, Soundquake, Soulforce, Respectaz und SWS.
Es muss mit dem Teufel zu gehen, wenn im Sommer nicht jeder vernünftige DJ die Tunes „Dancehall Party“, „Killermaschinen“ oder „Beweg dein Becken“ in die schwitzende Menge pumpt – weil dafür und genau dafür sind die Tunes gebaut worden. Von diesen beiden jungen Wilden wird mit ziemlicher Sicherheit noch einiges zu hören sein – weil hier lange noch nicht alles Potential ausgeschöpft ist.
Peter Hagen