Was Camp Lo bereits auf ihrem letzten Album perfekt umgesetzt hatte, wird auf dem neuen Release aus dem Hause Duck Down Records auch als Konzept benutzt. Als musikalische (Sample)-Basis wird auf „Welcome to Bucktown“ das schwarze Kino der 70er Jahre verarbeitet. Soundästhetisch orientiert man sich an Blaxplotation-Soundtracks, die Musiker und Komponisten wie Curtis Mayfield, Issak Hayes oder Quincy Jones vor fast 40 Jahren bekannt machten. Hier entstanden Meisterwerke wie „Superfly“, „Coffy“ oder „Shaft“, wobei der Qualität der Filme nichts mit der der Soundtracks zu tun hatten. Die Low-Budget-Produktionen handelten von Zuhältern, Drogenmilleus und ultrapotenten Gangstern sowie Bullen. Ein Image auf das vor allem Snoop Dogg seit vielen Jahren setzt. Die Affinität zu dem Sound, dem Style, den Autos oder den Klamotten jener Zeit ist nicht neu und doch immer wieder Inspiration für HipHop-Künstler der Gegenwart.
Steele, der Brooklyner MC, den die werte Gemeinde vor allem für seine Releases mit Partner Tek als Smif’n’Wessun liebt, ist ein alter Hase im Geschäft und ähnlich wie Labelchef Buckshot lyrisch beschlagen und um keine Straßenattitüde müde. Er nutzte dieses Konzeptalbum um die letzten Jahren zu der Grundthematik Bucktown (=Brooklyn) und HipHop hier einmal Revue passieren zu lassen. Daraus entstanden natürlich allerlei Geschichten, die er gekonnt und gewohnt dope in allen Bereichen präsentiert.
Schon beim zweiten Track „Bucktown Baby“ deutet er an wohin dieses Album inhaltlich und musikalisch führen soll. Sample-Quellen gibt es zu aus dieser Zeit zu genüge – jedoch ist es ja immer eine Sache der Verpackung. Man konzentriert sich auch versiert darauf, die Samples (Vocals & Musik) aus dem 1975 entstanden Originalfilm zu verwerten. Wo Camp Lo noch den Coolness-Faktor und Funkbehälter ganz hoch halten, gehen Steele und seine Bootcamp-Kollegen eine Stufe härter und direkter zu Sache.
Erstaunlich dabei ist wie selbstsicher, authentisch und durchdacht das komplette Werk wirkt. Es ist auch schon eine Weile her, dass man ein HipHop-Album komplett durchhören konnte und keinen einzigen Ausfall (nicht mal im Ansatz) hatte. Dafür dass die Zeiten schon lange angebrochen sind, wo die Künstler immer mit einem Auge auf die Hitsingle schauen und oft an Härte verlieren, ist es wirklich erstaunlich was Steele hier geschaffen hat. Irgendwie spielte dieses Album auch die Sonderposition, die sich Duck Down gerade in den letzten 10 Jahren erarbeitet haben. Sie bleiben sich ihrem Stiel treu und machen den Sound den die Fans lieben, ohne sich großartig zu wiederholen. Die Boot Camp Clik und der komplette Zirkel drum herum hat so ein starkes Branding wie vielleicht nur noch der Wu-Tang-Clan.
Von Innovation kann man hier nicht sprechen. Hier wird Altbewährtes gemacht ohne sich in einem „Früher war alles besser“-Wahn zu suhlen – wozu ja einige Gleichgesinnte immer sehr schnell neigen. Mit „Dreams“ hat man sogar eine wahrlich sommerliche und Soul-durchtränktes Relaxmoment, dass mit „Hometown“ zugleich sehr lokalpatriotisch weitergeführt wird. Mit „Bucktown Affiliates“ hat man dann auch ein Monster von Straßenhymne losgelassen, dass man die nächsten Jahre nicht mehr einfangen können wird und die „alten“ Fans in Zeiten von „Warzone“ zurückbeamen wird. Der Track „I’m from Brooklyn“ ist als einziger etwas synthie-lastiger – rockt aber so, als wäre es die explosive Fortführung von Slautherhouse’ „Wrack MC“. Und bisher konnte man sicher davon ausgehen, dass nur sie solche Bomben bauen bzw. releasen können. Für die Produktionen verantwortlich sind 7VEN H.D., Che Triumph, Ayatolla, The Beatminerz, Sic Beats, J. Scrilla, Kevorkian und Suaze.
Peter Hagen