Bei The Roots neigen viele dazu, analog zu allen Dilla-Veröffentlichungen nach dessen Tod, alles für gut, ja fast heilig zu bezeichnen. Man könnte es auch die rosarote Brille eines eingefleischten, von der Objektivität total befreiten, Fans nennen. Natürlich sind The Roots eine wahre Institution im HipHop und sie sind einem schon ans Herz gewachsen. Nicht nur weil auch nach all den Jahren „The Seed 2.0“ immer noch fast jede Party zum kochen bringt oder weil „Proceed“ auch 15 Jahren nach seinem erscheinen die wohl beste Symbiose zwischen straightem Rap und Jazz ist.
Diese Gruppe hat inzwischen elf Alben herausgebracht die alle immer eine gewisse Grundqualität intus hatten, jedoch lange nicht alle überragend waren. Auf dem neuen Werk der Mannen um Frontmann Blackthought und Mastermind Questlove haben sie es mal wieder geschafft sich selbst neue Impulse zu geben und gleichzeitig ihre weltweit treue Basis an Fans weiterhin auf sehr konservativen Weg glücklich zu machen. Die dunkle Seite die sie musikalisch und lyrisch auf „Rising down“ und „Game Theory“ vertraten, hatte in den besten Momenten eine sehr hohe Energiestufe und Durchschlagskraft.
Vor „How I got over“ haben sie hörbar den Dampf abgelassen und sich jetzt wieder auf unterschiedlichen Feldern betätigt. Die neue Scheibe ist nicht aufgrund der heruntergefahrenen Aggression etwas spannender als ihre Vorgänger, sondern weil man wieder Lust an der Fusion hatte. Indie-Rock, Gospel, Funk und Jazz haben diese Vollblutmusiker im Blut. Das zeigen sie ja nicht nur auf ihren unzähligen Touren weltweit, sondern auch allabendlich in einer amerikanischen Late Night Show, in der sie regelmäßig mit illustren Gästen jammen. Die Soundästhetik auf dieser Scheibe ist von dieser Spielfreude geprägt und hat etwas sehr von einer lockeren und warmen Atmosphäre. Sicherlich hatte diese Gruppe schon kraftvollere und markantere Alben, aber sie sind eine der wenigen HipHop-Künstler die Kontinuität und eine gewisse Grundsolidität abliefern – was auch auf „How I got over“ wieder präsentieren. Man könnte ihnen bei „Dear god 2.0“ Kalkühl vorwerfen ihren ersten Überhit „You got me“ reproduzieren zu wollen – wenn man es bös meinen würde. Am Ende ist das ganze Album etwa wie „Phrenology“. Diese Gruppe schafft es Rap ein ganz eigene und andere Note zu geben und sich unproblematisch anderen Genres öffnet. Im Gegensatz zu der weltweit gefeierten Phrenology-LP damals, müssen sie heute nichts mehr beweisen. Black Thought gehört sowieso seit fast zwei Jahrzehnten zu den Rappern die höchsten Respekt genießen, aber komischerweise nie in den Top-10-Listen der Besten (neben den üblichen Verdächtigen Biggie, Jay, Nas, 2Pac..) auftaucht. Technisch und inhaltlich muss man jedoch lange suche bis man einen Mann dieser Qualität findet. Deshalb hat er sich wohl auch nur alte Gefährten (Dice Raw, Peddie) oder neue hochtalentierte MCs (Fashawn, Blu) ins Boot geholt. Daneben sind Freunde wie John Legend oder Little Brother natürlich herzlich willkommen und spielen ihren Part sehr geschmeidig.
Und sind wir doch mal ehrlich. Heads lieben es wenn es hier einfach mal zwischen rein geschoben eine Tribute an Dilla zu bekommen und einen Wirbelwind wie „Web 20/20“ um die Ohren geschlagen zu bekommen. Und mit „The Fire“ und „Right on“ gibt es nicht weniger als saisonale Highlights im beseelten HipHop, den ja viele als Rap für Erwachsene sehen – was auch immer da sein soll.
Peter Hagen