HipHop. Das war mal vor langer Zeit ein Ausdruck bzw. Alternative der Jugend gegen Gewalt und soziale Missstände, gerade in Gegenden des Elends, Arbeitslosigkeit und Drogen. Für viele Amerikaner und auch Europäer scheint das weit weg zu sein. Die Pop & Glamourwelt hat Gefallen an HipHop gefunden – aber ist es auch umgekehrt wirklich so? Oft gab es schon Diskussionen, das diese Kultur ihre Seele verkauft haben – ihre Wurzeln aus den Augen verloren haben. Der oft beschworene „Keep it Real“- Faktor in tiefer Verbundenheit mit den Ursprungsgedanken der Revolution scheint oft zwischen Champus und R’n’B-Handtäschchen-Raves versunken zu sein. Die Gegenthese müsste somit heissen, dass in wirklich armen Ländern der HipHop aufleben bzw. weiterleben müsste. Brasilien hat mit seinen Baile-Funk zumindest eine musikalischen Slum & Kultur-Revolte. Aber wie definiert Afrika im Jahr 2007 HipHop für sich?
Wenn man ehrlich ist, gibt es viel zu wenig Information über Musik vom afrikanischen Kontinent. Die breite Öffentlichkeit reduziert automatisch alles vom dritte Welt-Kontinent auf World Music. Dass es aber neben weltweit bekannten Popstars der Weltmusik Youssou N’Dour, Angélique Kidjo oder Miram Makeba auch eine grosse Scharr an Rap-Künstlern, Bands & Produzenten gibt, ist gänzlich unbekannt.
„African Underground – The depths of dakar“ will hier Abhilfe und Aufklärung schaffen.
Rapgruppe Nightmare scheint hier z.B. offensichtlich das Anfang-Neunziger-Material von den Blunt-Brüdern der amerikanischen Westküste, Cypress Hill, auf sich einwirken zu lassen. „Gebel Night in Blue“ hört sich stark danach an. Adama ‚“Aduna Bi“ führt dann doch etwas authentischer, afrikanischer Gesang in das Land der relaxten HipHop-Beats. Sen Kumpa pflegt ganz im Erbe des Revoluzzionario Fela Kuti den Afrobeat mit Sprechgesang. Pato ist hier eine Ausnahme und auf einem erstaunlich weiten Level, raptechnisch sowie musikalisch. Er erinnert sofort an den frühen und zur Zeit gefeierten Grime-MC Dizzee Razcal aus den UK. Zoo Squad mischen Jazz & Funk mit programmierte Beats und haben einen ebenso quirligen Groove wie Kollegin Fatim, die ungewöhnlich emanzipierte Reime schleudert. Man hat lange kein female-MC mehr gehört, die vergleichbar nach vorne powert. Erstaunlich ist, dass sich alle zwölf Tunes viel mehr nach Black Sheep oder Brand Nubian von Anfang der 90ern anhören, als an den augenblicklichen mehr cluborientierten 50 Cent / Dipset / Dirty South-Entwurf des amerikanischen, grossen Bruder. Lyrisch geht es hier in englisch, französisch und in der Heimatsprache mehr um Themen des Überlebens zwischen Armut, Korruption und Verelendung. Nach wie vor versucht Compiler Ben Herson aus Brooklyn/NYC diese Bewegungen, vom immer noch mehr als unbekannten Kontinent, zu erforschen. Nach seiner beachtlichen Zusammenstellung über HipHop im Senegal gibt es nun einen tiefen Einblick in die Szene von Dakar. Nicht nur im Fussball ist dieser Kontinent ein schlafender Riese.
Peter Hagen (Jazzriots)