Es geht um Rap. Am Bodensee, dem Gewässer, das so viele Menschen und Länder vereint, gibt es eine unscheinbare, illustre Runde von Heads die das machen, was sie lieben. Ist der Bodensee doch eher bekannt dafür, dass sich hier Touristen tummeln und die herrliche Landschaft mit all ihrer Pracht von Obst und Weinreben betrachten. Schließt das aus, dass es hier keine HipHop-Community geben kann? Sicherlich nicht. Um gleich allen Skeptikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: Nein, hier rappt man nicht nur über die Grazie der hiesigen Frauen, der Schönheit der Gegend und den edlen Tropfen der vergorenen Traube. Rap ist immer noch und meist auch überall, ein Report über die Lebenswelt – wenn er authentisch sein will. Sympathisch ist hier, dass man die oft nicht an die Oberfläche getragene bzw. gezeigte Parallelwelt zwischen Hartz IV-Problematik und Mittelschicht-Abbau genauso aufzeigt, wie die Liebe zur HipHop-Kultur und die Genre-typischen Dicke-Eier- Possen. Eine Sampler, der inhaltlich (in drei Sprachen!) soviel Vielfalt bietet wie „Bodensee Rap Vol.2“ verschafft sich sofort Gehör. Musikalisch hört man auf, welche Qualität an Beats inzwischen in den Heimstudios und Kinderzimmern zwischen Cubase und Reason gebastelt werden. Von wegen der Nachwuchs spielt nur Playstation, sauft flaterate und kifft sich die Banane weg! Diese Compilation zeigt das im süddeutschen Raum einiges geht und ausprobiert wird. Bleibt die Frage ob man die plakative Bezeichnung „Dirty South“ (Atek) braucht um sich in der Rap-ublik positionieren? Hat das nicht schon Ali Ass vom Deluxe Records-Camp gemacht? So kann man mit nicht immer sauber produzierten, aber dadurch mit einem charmanten Straßengeruch versehenen, satten Beats und Rap überzeugen. So rappt Jewls auf „Musik“ zwischen einem Vocalcut von Nas und Mobb Deep fast schon erschreckend trueschoolig, während die Kollegen Danzka & Atek auf „Du schaffst es“ wie Santa Flows auf „Streng dich an“ Positivity kicken. Herrlich wie Hartmann und Jonny Joker auf „Rapschreibreform“ stylen – da geht was am See. Kulturbewusstsein und Skillz eines Turntableisten beweist Dextahhn Fresh auf „Dreamin’“ wenn er den Blastmaster Krs 1 bearbeitet während Crf & Dan-One auf „5 einfache Dinge“ von irgendwie an Blumentopf erinnern. Die Schweizer Homies von ESIK und Savant des Rimes schauen auf das was war und das was ist auf „Rap clowns“ erstaunlich aufgeklärt und heben unweigerlich die bunte Mehrspraches-Mischung der Compilation. So kann man über 30 MCs aus dem Nachwuchsresort Bodensee auf dieser gelungenen Zusammenstellung hören, die definitiv auf mehr hoffen lassen.
Peter Hagen