Was für eine imponierende Fülle an schweißtreibender und passionierter Soul und Funk Musik in den 60ern und 70er Jahren entstand, dokumentiert das Label Numero Group eindrucksvoll seit ihrer Gründung im Jahre 2003. Da war, wohlgemerkt, vor dem ganz großen Interesse an vergessenen oder nie gehörten Groove, die über 30 Jahre auf dem Buckel haben. Der im Diggertum der Rare Groove-Dogmatiker verbreitete Berufsethos, man müsste das Original für sich und nur für sich behalten, hat sich gelockert. Viele wollen die breite Öffentlichkeit, bzw. andere interessierte Menschen an ihren entdeckten Schätzen teilhaben lassen. Die Zeiten sind vorbei, in denen man ausschließlich als Deckshark bei Keb Darge, Norman Jay, Mr.Scruff oder Kenny Dope oder auf dem nächstliegenden Soul Weekender agieren muss, um an seltenen Sounds hören zu können. Die Gutmenschen von Labels wie Numero Group graben tief und bringen in der Serie „Eccentric Soul“ den Selbigen dort hin wo er hingehört – in eine Zugänglichkeit für jeden der es hören möchte.
Nach den Labels Prix, Deep City, Bandit, Big Mack, Capsoul und Twinight widmet sich die Expertenrunde nun den Tragar & Note Imprints aus Atlanta. Das Twinlabel von Jesse Jones operierte von Hauptstadt Georgias aus zwischen 1968-1977 mit astreinem Soul und nichts als dem Soul. Auf der vorliegenden Zusammenstellung mit 50 Tracks (!!!) bekommt einen wunderbaren Überblick, was in jenen Jahren auf diesem Label gepredigt wurde. Die bekannteste Figur stellt die Sängerin Eula Cooper, deren 7inch „Shake Daddy Shake“ (mit der feinen B-Seite „Have faith in me“) über die Jahre ein wahrer Northern Soul Classic geworden ist. Aber nicht nur diese Dame konnte dem Soul ihre besten Töne schenken. Neben ihr kann man sich schon mal Namen wie Sonia Ross, Chuck Wilder, Franciene Thomas oder Sandy Gale merken. Weil nach diesen (und auch den anderen) Künstlern wird man nach weiterem Material forschen und angefixt sein.
Gänsehaut-Garantie. Hier wird jede Herzensangelegenheit zum Drama und jede Liebe um Kampf.
Black Mecca, wie ATL heute aufgrund der vielen Mittelstands-Afroamerikaner genannt wird, war in den 60ern nicht unbedingt die zentrale Stimme der Schwarzen, geschweige denn des Soul Movements. Detroit dominierte. Das minderte natürlich nicht Qualität und Output. Dass man über 30 Jahre später die seltenen und damals schon nur in kleinen Auflagen gepressten Perlen wieder entdecken darf, ist dem hiesigen Experten Brian Poust zu verdanken. Der hat auch auf akribische und liebvolle Weise das 32-seitige Booklet mit der Geschichte über den Soul des Südens, das Label und deren Geschichte erstellt. Dazu kommen noch Fotos, Zeitzeugenberichte und einiges mehr. So ist das 20. Release auf Numero Label wie das Erste: geschmackvoll, edel und eben ganz speziell. Motown und Stax war nur die Oberfläche. Das wird mal wieder ganz massiv durch diese faszinierende Compilation deutlich.
Peter Hagen