Vor 21 Jahren haben sich einige Leute zusammen getan, um zweimal im Jahr ein sogenannter Weekender im Pontins-Urlaubskomplex, Southport, UK stattfinden zu lassen. Weekender sind große Tanzveranstaltungen mit Discjockeys – ganz in der Traditions der Northern Soul Allnighter der 60er und 70er Jahre. Im Zuge des von BBC-Radioguru und Plattenpapst Gilles Peterson wieder aktivierten Interesse an der „alten guten Musik“ – bekamen diese, vor allem in England extrem beliebten Wochenendtanzveranstaltungen wieder eine Reanimation. In Southport entwickelte sich das Ganze so extrem zur Popularität, dass bald eine richtige Massenveranstaltung daraus wurde. Musikalische wollte man sich nicht mehr nur auf Soul der alten Tage eingrenzen und öffnete sich anderen Genres wie UK Garage, House, Broken Beats, NuJazz, Drum’n’Bass und anderem qualitativ hochwertigen Strömungen der Club-Kultur. Natürlich war die Auswahl der Platten drehenden Protagonisten immens wichtig. Der Anspruch steht und fällt mit dieser Auswahl. Das war und ist den Organisatoren wichtig. Des halb hat man hier über die Jahre hinweg nur die beste Vinylstreichler engagiert – immer mit dem Blick für neue Vibes, Impulse und Strömungen. Jedoch wird immer penibel darauf geachtet, dass die alten Recken und DJ-Legenden nicht zu vernachlässigt werden. So haben neben Bob Jones, Gilles Peterson, Tony Humphries oder Norman Jay hier auch Masters at Work, Kerrie Chandler oder Joe Claussell die Wheels of Steel gedreht und die Massen zum schwitzen gebracht.
Diese heterogene Mischung aus Alt und Neu spiegeln auch immer wieder die zum Festival gehörenden DJ-Mixes bzw. Compilations. Für die inzwischen schon siebte Folge hat man das Berliner DJ & Produzentenkollektiv Jazzanova und den britischen Marathon-DJ Mr.Scruff verpflichten können. Muss man noch extra erwähnen, dass es zwei faszinierende Mixe geworden sind? Bei diesen beiden Parteien weiss man seit vielen Jahre, dass jedes Release – ob DJ-Mix, Compilation oder Produktion – für Qualität steht.
Die Berliner spielen natürlich wieder dem klassischen, eklektischen Grundgefühl zu. Verleugnen aber nicht ihre Entwicklungen und Begeisterungen für elektronischere Strömungen wie Detroit Techno und Deep House. Der augenblickliche „State of the art“ ist der „Space in between“ den die Jazzanovas seit nunmehr zehn Jahren in Perfektion auffüllen und mitdefinieren. Electro, Soul, House, Broken Beats und vieles mehr. Natürlich gibt es hier wieder wunderbare Einblick auf die Releases und Entwicklungen auf ihrem eigenen Label Sonar Kollektiv und dessen Dunstkreis. Hendrik Schwarz, Soulfiction und Eva B. dokumentieren das sehr gut. Ein kleines Exclusive gibt es mit dem Recloose-Track, der im Herbst sein neues Album bei den Berlinern veröffentlichen wird.
Auf dem zweiten Mix hat Mr.Scruff seine exzessive Liebe zu den alten Grooves zwischen Jazz, Funk und Soul mal wieder exzellent aufbereitet. Hier zeigt er dass er eine absolute Ausnahmestellung innerhalb der Szene bezieht. Mit butterweichem, raren Soul von Bobby Reed oder Sandra Wright swingt er sich weiter auf einer aufregenden Retrospektive im Auftrag des alten, guten Grooves zu funkigen Stücken von Soul Controllers, La Carnival oder Mark V – jedoch die Komponenten Jazz nie aus dem Blickwinkel zu verlieren.
Wohl einer der wichtigsten und spannendsten Compilation des Jahres. Definitiv.
Peter Hagen