„Jazz für Nicht-Jazz-Hörer…klingt wie vom SPD-Parteitag…“ hämte ein Brandenburger „Radio für Erwachsene“ (Eigenwerbung) über das Werk der beiden so unterschiedlichen Musikgiganten Nelson und Marsalis. Nun, wer einen Pork Pie bestellt, kann keine Geschmacksorgasmen der Molekularküche a la Ferran Adrià erwarten. Und wo Titel wie „Bright Lights Big City“, „Basin Street Blues“ „Caldonia“ oder gar „My Bucket’s Got A Hole In It“ auf der CD-Hülle stehen, riecht die darin enthaltene Musik immer ein wenig nach Bier und Brezeln, da kann Schönbläser Wynston Marsalis mit seinem brillanten Quartett noch so sophistisch „out of blue“ aufspielen: Der Kurs liegt an, der Job muss getan werden. Und ihren Job erledigen Willie und Wynton auf diesem – man kann es nicht anders sagen – Tondokument mit Bravour. Natürlich wird aus Willie Nelson (Sonderlob für seinen langjährigen Begleiter Mickey Raphael an der Harp) in diesem Leben kein Crooner mehr und auf der Gitarre macht ihm jeder talentierte Musikschüler was vor. Aber er hat Musik gelebt, ist ein verwitterter Grenzpfosten im weiten Land uramerikanischer Musik; der „Outlaw“ markiert den Streifen zwischen den Ufern des Mississippi und den weiten Ebenen. Vielleicht erfordert dieses ganz besondere Musikereignis eine Art der Rezeption, die gerade in Jazzkreisen total aus der Mode gekommen scheint: Herzerfrischende, geradezu naive Freude am Dargebotenen. Kritisch hinterfragen und Stuckrad-Barre lesen tun wir morgen. Das Heute gehört “Two Men With The Blues”, Traditional-Jazz und Mark Twain…
Jo Neckermann